Klimaziele ohne Motorräder? Warum GB beim Verkehr falsch abbiegt
Elektroautos werden gefördert, Zweiräder (oft) vergessen – dabei könnten sie eines der größten Klimapluszeichenliefern. Genau das wirft die britische Motorradindustrie der Regierung in Westminster vor. Und trifft damit einen Nerv, der weit über Großbritannien hinaus relevant ist.
Wie glaubwürdig ist eine emissionsarme Zukunft, wenn man einen der effizientesten Verkehrsträger konsequent ignoriert?
Milliarden für Autos – kaum Unterstützung für Zweiräder
Der britische Branchenverband Motorcycle Industry Association (MCIA) hat dem Verkehrsausschuss des Parlaments im Rahmen einer Untersuchung zur Beschleunigung der Elektromobilität deutlich gemacht, wo die Schieflage liegt. Während Elektroautos weiterhin mit Milliardenbeträgen aus öffentlichen Töpfen gefördert werden, ist die gezielte Unterstützung für Motorräder – egal ob elektrisch oder mit Verbrennungsmotor – nahezu vollständig verschwunden.
Das ist umso bemerkenswerter, weil motorisierte Zweiräder:
- weniger Energie verbrauchen
- deutlich weniger Platz benötigen
- den Verkehr messbar entlasten
- und Emissionen schneller sowie günstiger senken können
Dennoch gelten sie in der politischen Strategie weiterhin als Randerscheinung.
Trotzt Wachstumsmarkt deutliche Verluste
Die Folgen dieser politischen Schieflage sind klar sichtbar. Im vergangenen Jahr wurden in Großbritannien lediglich 3.282 elektrische Motorräder und Mopeds neu zugelassen. Das entspricht gerade einmal 3,5 Prozent Marktanteil – mit weiter fallender Tendenz.
Besonders alarmierend:
Innerhalb von nur vier Jahren hat sich die Zahl der Neuzulassungen von Elektrozweirädern nahezu halbiert. Und das, obwohl der Motorradmarkt insgesamt keineswegs eingebrochen ist. Klassische Motorräder mit Verbrennungsmotor behaupten sich weiterhin stabil und machen nach wie vor den überwiegenden Teil der Neuzulassungen aus.
Mit anderen Worten: Es fehlt nicht an Nachfrage nach Zweirädern – es fehlt an Anreizen für elektrische Modelle.
Der Kontrast zum Pkw-Markt könnte kaum deutlicher sein. Dort wurden 2025 insgesamt 426.209 Elektroautos verkauft – ein Plus von 26 Prozent gegenüber dem Vorjahr. Inzwischen sind 22,7 Prozent aller Neuwagen elektrisch unterwegs.
Die politische Logik dahinter ist offensichtlich: Gefördert wird, was wächst – und wachsen kann nur, was aktiv unterstützt wird. Motorräder fallen dabei systematisch durchs Raster.
„Eine (E-)Auto-Strategie ist keine Netto-Null-Strategie“
MCIA-Chef Tony Campbell bringt es unmissverständlich auf den Punkt:
Eine Verkehrswende, die fast ausschließlich auf Autos setzt, könne nicht zum Ziel der Klimaneutralität führen.
Motorräder, Mopeds und Microcars (Allgem. LEVs) reduzieren Emissionen, Kosten und Staus sofort – nicht erst in ferner Zukunft. Trotzdem werden sie in der Gesetzgebung und Förderpolitik weiterhin wie ein Nebenschauplatz behandelt.
Der Verband fordert deshalb einen realistischeren Blick auf Emissionen:
Nicht nur der Auspuff zählt, sondern auch Verkehrsfluss, Flächennutzung und Effizienz – vor allem im urbanen Raum.
Hoffnungsschimmer: Maeving
Während politische Unterstützung für Elektrozweiräder weitgehend ausbleibt, setzt der Markt zumindest punktuell ein Zeichen. Der britische Elektromotorradhersteller Maeving konnte sich kürzlich 11 Millionen Pfund (rund 12,8 Millionen Euro) frisches Kapital sichern – inklusive öffentlicher Mittel aus den West Midlands.
Maeving beschäftigt inzwischen rund 100 Mitarbeitende und fertigt seine rein elektrischen Motorräder in Coventry. Rund 75 Prozent der verbauten Komponenten stammen aus Großbritannien – ein ungewöhnlich hoher Anteil in einer globalisierten Zulieferlandschaft.
Die jüngste Finanzierungsrunde soll vor allem die Expansion nach Europa und Nordamerika, den Ausbau der heimischen Produktion sowie die Stärkung der Lieferkette ermöglichen. Zusätzlich steht dem Unternehmen eine Betriebsmittellinie von drei Millionen Pfund (ca. 3,5 Millionen Euro) zur Verfügung.
Nach eigenen Angaben hat Maeving seinen Umsatz seit 2023 vervierfacht. Zuvor hatte das Unternehmen bereits mehr als 1,1 Millionen Pfund Fördermittel (rund 1,3 Millionen Euro) erhalten. Gleichzeitig verkauft die Marke aktuell mehr Elektromotorräder als jeder andere Anbieter im britischen Markt – und lässt damit sowohl chinesische Hersteller als auch etablierte Großserienmarken hinter sich.
Ein klares Signal: Nicht das Produkt ist das Problem, sondern die politischen Rahmenbedingungen.
Motorräder als unterschätzter Klimaturbo?
Dass Motorräder Staus reduzieren, ist kein Bauchgefühl, sondern gut dokumentiert. Eine häufig zitierte Studie zeigt:
Bereits eine Verlagerung von 10 Prozent des Verkehrs vom Auto aufs Motorrad kann zu rund 40 Prozent weniger Stau für alle Verkehrsteilnehmer führen – inklusive sinkender Gesamtemissionen.
Warum motorisierte Zweiräder trotzdem kaum eine Rolle in der offiziellen Verkehrspolitik spielen, bleibt – nicht nur in Großbritannien – schwer nachvollziehbar.
Die #SteckerBiker meinen
Die britische Debatte steht exemplarisch für ein Grundproblem moderner Verkehrspolitik – und das betrifft nicht nur das Vereinigte Königreich. Klimaziele werden zu eindimensional gedacht. Der 1:1-Tausch eines Verbrennerautos gegen ein elektrisches Auto wird uns weder verkehrlich noch ökologisch ausreichend voranbringen.
Auch in Deutschland und vielen anderen europäischen Ländern zeigt sich das gleiche Muster: Hohe Kaufprämien für E-Autos, ambitionierte Zulassungsziele – aber kaum strukturelle Förderung für leichte, effiziente Fahrzeuge. Elektromotorräder, Roller und kleine Verkehrsträger tauchen in Förderprogrammen, Infrastrukturplanung und politischen Zielbildern meist nur am Rand auf.
Dabei sind Elektromotorräder keine Nische und kein Lifestyle-Gadget. Sie sind ein hocheffizientes Werkzeug für saubere, platzsparende und bezahlbare Mobilität, insbesondere in urbanen Räumen, wo Stau, Flächenknappheit und Emissionen längst zu systemischen Problemen geworden sind.
Wer Netto-Null ernst meint, muss deshalb auch Zweiräder ernst nehmen – nicht als Ergänzung, sondern als festen Bestandteil der Verkehrswende.
Alles andere ist keine Mobilitätsstrategie, sondern ein teurer Umweg, den sich weder Städte noch Klimaziele leisten können.
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