HORWIN SENMENTI ONE: Was lange währt …

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Author Remo Klawitter

Seit Jahren geistert die HORWIN SENMENTI durch Messen, Ankündigungen und technische Datenblätter. 400-Volt-Technik, extrem kurze Ladezeiten und jede Menge Hightech machten früh neugierig – nur kaufen konnte man sie bislang nicht. Jetzt scheint es tatsächlich ernst zu werden. Zeit für die Frage: Was ist von den großen Versprechen übrig geblieben – und was bekommen wir am Ende wirklich?

Horwin Senmenti ONE

Die SENMENTI ONE – lange Zeit als SENMENTI 0 angekündigt – gehört zu den Elektromotorrädern, über die wir schon lange reden, obwohl wir bis heute niemanden kennen, der tatsächlich damit gefahren ist. HORWIN präsentierte früh ein technisch außergewöhnlich ambitioniertes Fahrzeug und sorgte insbesondere mit Angaben zur Ladegeschwindigkeit für Aufmerksamkeit.

Danach wurde es allerdings kompliziert. Termine verschoben sich, technische Angaben änderten sich und aus dem angekündigten Elektromotorrad wurde zunehmend eine Maschine, bei der man sich irgendwann weniger fragte, wie gut wird sie?, sondern vielmehr: Wann kommt sie eigentlich?

Horwin Senmenti ONE

Nun scheint Bewegung in die Sache zu kommen. HORWIN veröffentlicht konkrete technische Daten und die SENMENTI ONE wirkt inzwischen deutlich näher an einer echten Serienmaschine als an einer Messestudie. Einen offiziellen Verkaufspreis nennt HORWIN zwar noch nicht, bei deutschen Händlern lässt sich die SENMENTI inzwischen aber für 14.990 Euro vorbestellen. Ab Oktober sollen erste Maschinen für Besichtigungen und Probefahrten zur Verfügung stehen beziehungsweise zum Kauf angeboten werden.

Nach all den Jahren wäre allein eine tatsächlich fahrbereite SENMENTI beim Händler schon eine Nachricht wert. 😁

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16,9 kWh und 400 Volt

Das Herzstück der SENMENTI ist ein 16,9 kWh großer Hochvolt-Akku mit 400-Volt-System. HORWIN nennt allerdings lediglich die Batteriekapazität – ob es sich bei den 16,9 kWh um die Brutto- oder tatsächlich nutzbare Nettokapazität handelt, wird nicht eindeutig ausgewiesen.

Für ein Elektromotorrad ist die Größenordnung trotzdem interessant. Hondas neue WN7 kommt auf 9,3 kWh, die LiveWire ONE auf 15,4 kWh und die Energica Experia auf 22,5 kWh brutto beziehungsweise 19,6 kWh nominal.

Horwin Senmenti ONE

HORWIN nennt für die SENMENTI 300 Kilometer Reichweite in der Stadt, 210 Kilometer außerhalb der Stadt und 115 Kilometer auf der Autobahn. Rechnet man die 16,9 kWh vollständig gegen die angegebenen Reichweiten, ergeben sich theoretisch etwa 5,6 kWh/100 km in der Stadt, 8,0 kWh/100 km außerorts und 14,7 kWh/100 km auf der Autobahn.

Natürlich ist diese Rechnung nur eine grobe Einordnung. Solange wir nicht wissen, wie viel der 16,9 kWh tatsächlich nutzbar ist und unter welchen Bedingungen HORWIN seine Reichweiten ermittelt hat, sind das keine realen Verbrauchswerte.

Für ein elektrisches Reisemotorrad ist ohnehin nicht allein die Größe des Akkus entscheidend. Mindestens genauso wichtig ist, wie schnell sich die verbrauchte Energie unterwegs wieder nachladen lässt.

Horwin Senmenti ONE

100 km in zwölf Minuten

Noch interessanter wird es beim Laden. HORWIN wirbt mit dem Satz: Zwölf Minuten laden, 100 Kilometer fahren.

Das klingt beeindruckend, eine maximale DC-Ladeleistung nennt HORWIN aktuell allerdings nicht. Und ohne zu wissen, auf welchen Fahrzyklus sich die 100 Kilometer beziehen, lässt sich die Aussage kaum einordnen.

Rechnet man mit den von HORWIN genannten Reichweiten, zeigt sich das schnell: Für 100 Kilometer müssten rechnerisch je nach Fahrprofil etwa 5,6 kWh in der Stadt, 8 kWh außerorts oder fast 14,7 kWh auf der Autobahn nachgeladen werden. In zwölf Minuten entspräche das durchschnittlichen Ladeleistungen von rund 28, 40 beziehungsweise mehr als 70 kW.

 

Horwin Senmenti ONE

„100 Kilometer in zwölf Minuten“ klingt also gut, sagt ohne den dazugehörigen Fahrzyklus aber erstaunlich wenig über die tatsächliche Ladeleistung aus.

Frühere Informationen von HORWIN Europa nannten rund 18 kW durchschnittliche DC-Ladeleistung und kurzzeitig bis zu 40 kW Peak. Ob diese Werte auch für die kommende Serienmaschine gelten, bleibt offen.

Deshalb interessiert uns am Ende weniger die Zwölf-Minuten-Angabe aus dem Prospekt als die echte Ladekurve von beispielsweise 10 auf 80 Prozent.

Horwin Senmenti ONE

Kühl bleiben

Fast noch spannender als die maximale Ladeleistung finden wir einen anderen Punkt im Datenblatt.

HORWIN beschreibt für die SENMENTI ein aufwendiges Mehrkanal-Thermomanagement, bei dem Luft- und Flüssigkeitskühlung miteinander kombiniert werden. Kühlmittel soll die Batteriezellen umgeben und dafür sorgen, dass diese möglichst in ihrem optimalen Temperaturbereich bleiben.

Das klingt zunächst nach einem technischen Detail, könnte auf langen Strecken aber einen entscheidenden Unterschied machen. Denn eine hohe Ladeleistung beim ersten Ladestopp ist nur die halbe Wahrheit. Wird ein Akku durch schnelle Autobahnfahrt und wiederholtes DC-Laden immer wärmer, muss das Batteriemanagement irgendwann eingreifen und die Ladeleistung reduzieren.

Beim Elektromotorrad ist das aufgrund des begrenzten Bauraums eine besondere Herausforderung. Aufwendige Flüssigkeitskreisläufe, Pumpen und Kühler benötigen Platz, weshalb bei anderen Elektromotorrädern häufig einfachere Kühllösungen zum Einsatz kommen.

Wenn HORWIN die Temperatur des Akkus tatsächlich auch nach mehreren Schnellladevorgängen kontrollieren kann, könnte genau das eine der interessantesten Eigenschaften der SENMENTI werden.

Wenn sie beim dritten oder vierten Ladestopp noch annähernd dieselbe Ladekurve erreicht wie beim ersten, wäre das für ein elektrisches Reisemotorrad wesentlich beeindruckender als irgendeine Ladepeak-Angabe.

Horwin Senmenti ONE

Die Konkurrenz

Im Vergleich mit anderen schnellladefähigen Elektromotorrädern steht die SENMENTI mit ihren 16,9 kWh bereits im oberen Feld.

Die Honda WN7 kommt auf 9,3 kWh, 140 Kilometer nach WMTC und benötigt per CCS2 rund 30 Minuten von 20 auf über 80 Prozent. Preis: 15.409 Euro inklusive Überführung.

Die LiveWire ONE bietet 15,4 kWh, 235 Kilometer Stadt- und 153 Kilometer kombinierte Reichweite. Per DC geht es in 40 Minuten von 0 auf 80 Prozent. Preis: 14.790 Euro.

Dann folgt die HORWIN SENMENTI ONE mit 16,9 kWh. Der derzeit bei deutschen Händlern aufgerufene Preis von 14.990 Euro liegt damit praktisch auf dem Niveau von Honda und LiveWire.

Noch darüber liegt die Energica Experia mit 22,5 kWh brutto beziehungsweise 19,6 kWh nominal. Sie schafft 222 Kilometer nach WMTC und lädt per CCS in weniger als 40 Minuten von 0 auf 80 Prozent – kostete dafür allerdings auch deutlich mehr.

Damit ist die SENMENTI auf dem Papier durchaus interessant positioniert: beim Akku eher im oberen Feld, beim Preis dagegen auf dem Niveau von Honda und LiveWire. Entscheidend wird sein, wie viel der 16,9 kWh tatsächlich nutzbar ist und ob die versprochene Ladetechnik in der Praxis hält, was das Datenblatt verspricht.

Horwin Senmenti ONE

Elektrisches ADV

Die SENMENTI möchte aber nicht nur mit Akku und Ladeleistung punkten. HORWIN positioniert sie als eine Art elektrisches Adventure- beziehungsweise Reisemotorrad und hat dafür einige ungewöhnliche Lösungen vorgesehen.

DAS Alleinstellungsmerkmal ist die angekündigte Vehicle-to-load-Funktion (V2L), mit der die Senmenti quasi zur Powerbank auf Rädern wird, die im Zweifelsfall ein komplettes Camp tagelang mit Strom versorgt.

Interessant finden wir auch die großzügige Sitzbank, die unterschiedliche Sitzpositionen ermöglicht. Gerade bei einem ADV kann es einen echten Unterschied machen, ob man entspannt auf der Autobahn Kilometer abspult, sich im Stadtverkehr bewegt oder auf kurvigeren Strecken etwas aktiver auf dem Motorrad sitzt.

Horwin Senmenti ONE

Dazu kommen reichlich Elektronik, Assistenzsysteme und eine Leistung, bei der sicherlich niemand über mangelnden Vortrieb klagen dürfte. HORWIN nennt 35 kW Dauer- und 74 kW Spitzenleistung, 200 km/h Höchstgeschwindigkeit und 3,3 Sekunden von 0 auf 100 km/h. Damit ist es übrigens kein Leichtkraftrad mehr, ein „echter“ Motorradführerschein der Klasse A2 oder A ist erforderlich.

Für die Langstreckentauglichkeit sind allerdings andere Werte entscheidend: Wie weit kommen wir bei 120 oder 130 km/h, wie schnell bekommen wir anschließend Energie in den Akku – und funktioniert das auch beim dritten Ladestopp noch genauso gut?

Genau daran wird sich entscheiden, ob die SENMENTI lediglich ein beeindruckendes Datenblatt besitzt oder tatsächlich ein brauchbares elektrisches Reisemotorrad wird.

Horwin Senmenti ONE

Die #SteckerBiker meinen

Auf dem Papier ist die HORWIN SENMENTI inzwischen ein erstaunlich interessantes Elektromotorrad. 16,9 kWh Akku, 400-Volt-Technik, CCS-Schnellladen, ein aufwendiges Thermomanagement und die Möglichkeit, die Sitzposition je nach Fahrsituation zu variieren, ergeben ein Paket, das gerade für ein elektrisches ADV durchaus Sinn ergibt.

Das Problem ist weniger die Maschine als ihre Vorgeschichte. Mit ambitionierten Versprechen, wechselnden Angaben und einem über Jahre verschobenen Marktstart hat sich HORWIN selbst keinen Gefallen getan. Irgendwann reichen Datenblätter, Messeauftritte und beeindruckende Ladeversprechen einfach nicht mehr.

Jetzt muss sie zeigen, was sie wirklich kann. Und dafür interessieren uns weniger 3,3 Sekunden auf 100 als die ersten echten Langstreckenerfahrungen: Autobahnreichweite, Ladekurve, Thermomanagement, Verarbeitung, Software und Zuverlässigkeit.

Wenn die ersten Kunden nach mehreren hundert Kilometern berichten, dass die SENMENTI auch beim dritten Schnellladestopp noch genauso souverän lädt wie beim ersten, werden wir hellhörig.

Denn wenn HORWIN diesmal hält, was das aktuelle Datenblatt verspricht, könnte sich das lange Warten tatsächlich gelohnt haben. Was lange währt, wird hoffentlich endlich gut.

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