ANY LUV 1: Lastenmotorrad zwischen Roller und Motorrad
Mit ANY betritt ein junges Unternehmen die Bühne, das bewusst nicht in den vertrauten Kategorien Roller, Motorrad oder Auto denkt. Auf der eigenen Website beschreibt sich die Marke als Entwickler elektrischer „Life Utility Vehicles“, kurz LUVs. Dahinter steckt der Versuch, die Wendigkeit eines Zweirads mit dem Alltagsnutzen eines kleinen Autos zu verbinden. Im Mittelpunkt stehen dabei nicht Tempo, Prestige oder sportliche Fahrleistungen, sondern Wege zur Arbeit, Einkäufe, Kinderkram, Wochenendgepäck und all das, was urbane Mobilität im echten Leben oft komplizierter macht, als es Prospekte versprechen.
Diese Denkrichtung ist durchaus interessant, weil ANY damit eine Lücke adressiert, die viele klassische Zweiräder offenlassen. Wer mit dem Motorrad schnell durch die Stadt kommen will, findet Angebote genug. Wer mit dem Roller praktisch unterwegs sein will, ebenfalls. Aber wer die aufrechte, erwachsene Fahrgeometrie eines Motorrads schätzt und gleichzeitig echten Stauraum, variable Nutzung und eine gewisse Lastentauglichkeit sucht, landet bisher oft bei Kompromissen. Genau dort setzt ANY an und versucht, aus dem Kompromiss ein eigenes Produktprinzip zu machen.
Das LUV 1 macht den Anspruch erstmals greifbar
Das erste Fahrzeug dieser Idee heißt LUV 1 und ist laut Datenblatt ein vollelektrischer Zweisitzer der A1-Kategorie. ANY nennt dafür 11 kW Spitzenleistung, 7 kW Dauerleistung, 100 km/h Höchstgeschwindigkeit, 0 bis 50 km/h in 4,1 Sekunden, 100 bis 140 Kilometer Stadtreichweite sowie 120 Liter abschließbaren Stauraum. Hinzu kommen 160 Kilogramm fahrfertiges Gewicht und eine Sitzhöhe von 786 Millimetern. Das ist keine exotische Spielerei mehr, sondern ein recht konkret umrissenes Fahrzeugprofil für den städtischen Alltag und darüber hinaus.
Technisch setzt ANY auf einen Hecknabenmotor, einen modularen Aluminium-Druckgussrahmen und zwei wechselbare Lithium-Ionen-Akkus mit zusammen 6,5 kWh. Geladen wird laut Datenblatt in 2,5 bis 4 Stunden an 220 Volt, allerdings über ein externes Ladegerät. Dazu kommen Fahrmodi wie Eco, Normal, Curb Assist und Reverse, ein LCD-Display, App-Anbindung, LED-Licht, Keyless Start und ein USB-Anschluss. Auch das zeigt: Das LUV 1 soll nicht als puristisches Minimalfahrzeug wirken, sondern als vielseitiges Arbeitsgerät für viele Alltagssituationen.
Die Nutzungskonzepte sind der eigentliche Kern des Produkts
Besonders spannend ist, dass ANY das LUV 1 nicht nur als ein einzelnes Modell verkauft, sondern als Plattform. Auf der Website wird das Fahrzeug für Pendler, Familien, Abenteurer und Gewerbetreibende inszeniert. Der Pendler soll von kompakten Abmessungen, leichtem Parken und Stauraum für den Tag profitieren. Familien sollen Platz für Taschen, Kinderzeug, spontane Stopps oder sogar Haustierbedarf bekommen. Für Wochenendfahrten und kleine Ausflüge soll das Konzept ebenfalls funktionieren, während Geschäftskunden ein urbanes Arbeitsfahrzeug mit Transportqualitäten sehen sollen.
Gerade diese Breite macht den Ansatz bemerkenswert. Ein klassischer Roller ist praktisch, bleibt aber oft in seinem Nutzungsbild festgelegt. Ein Motorrad ist emotional und fahraktiv, verlangt im Alltag jedoch häufig nach Zusatzlösungen für Gepäck und Besorgungen. ANY versucht dagegen, Modularität zur eigentlichen Produktidentität zu machen. Unterschiedliche Aufbauten, Zubehörteile und Konfigurationen sollen dafür sorgen, dass sich das Fahrzeug an wechselnde Lebenssituationen anpassen kann. Das ist nicht nur Marketing, sondern im besten Fall ein Ansatz, der die Lebensdauer und Relevanz eines Fahrzeugs im Alltag erhöht.
Zwischen Vorbestellung und Vision
So konkret das LUV 1 inzwischen wirkt, ganz am Ziel ist ANY noch nicht. Die Marke bietet derzeit einen reservierbaren Platz in der Vorbestell-Reihenfolge für 49 Euro an, betont aber zugleich ausdrücklich, dass dies noch keine verbindliche Fahrzeugbestellung ist. Ebenso hält ANY fest, dass Preis, Spezifikationen, Design, Reichweite, Performance und Lieferzeit noch veränderlich sind. Das ist bei jungen Mobilitätsprojekten nicht ungewöhnlich, bleibt für Interessenten aber ein wichtiger Punkt.
Der angegebene Preisrahmen von 7.000 bis 10.000 Euro zeigt immerhin, wo das Fahrzeug ungefähr landen soll. Entscheidend wird nun sein, ob ANY den Schritt von der sehr schlüssigen Idee zur sichtbaren Serie sauber schafft. Gerade bei neuen Fahrzeugkonzepten entscheidet am Ende nicht nur die Gestaltung oder die Website, sondern die Frage, ob Homologation, Produktion, Vertrieb und Service genauso überzeugend aufgesetzt sind wie die Produktstory.
Die SteckerBiker meinen:
Das ANY LUV 1 ist für uns eines der interessanteren neuen Konzepte im urbanen Elektrozweiradbereich. Hier wird nicht einfach ein weiterer E-Roller mit schicker Hülle angekündigt, sondern ein Fahrzeug gedacht, das die Geometrie eines Motorrads mit dem Nutzen eines Rollers verbindet und damit tatsächlich so etwas wie eine eigene Klasse eröffnet: quasi das Lastenmotorrad. Genau darin liegt der Reiz dieses Ansatzes.
Die Modularität verspricht eine hohe Vielseitigkeit. Wer allein pendelt, am Wochenende einkauft, gelegentlich Gepäck transportiert oder im Gewerbe unterwegs ist, könnte mit demselben Grundfahrzeug sehr unterschiedliche Aufgaben abdecken. Das ist im Zweiradbereich ungewöhnlich und gerade deshalb spannend. Gleichzeitig würden wir uns wünschen, dass ANY optional ein internes Ladegerät und die Möglichkeit zum Laden per Typ 2 vorsieht. Das würde die Vielseitigkeit des Konzepts noch einmal deutlich steigern und das Fahrzeug gerade im europäischen Stadtalltag noch attraktiver machen. Dass diese Optionen bisher nicht vorgesehen sind, ergibt sich indirekt aus dem Spec Sheet mit Off-board-Charger und 220-Volt-Ladung; ob spätere Varianten folgen, ist derzeit offen.
Unterm Strich bleibt das LUV 1 ein sehr spannender Kandidat für alle, die mit einem Zweirad mehr machen wollen als nur von A nach B zu kommen. Ob aus der Idee ein echter neuer Fahrzeugtyp wird, entscheidet sich erst auf der Straße. Wir sind jedenfalls sehr gespannt, ob und gegebenenfalls wann wir die ersten Exemplare in unseren Städten sehen werden.