Quartalszahlen LiveWire Q1: Preisrutsch bringt Bewegung in den Markt
LiveWire hat die Zahlen für das erste Quartal 2026 vorgelegt. Auf den ersten Blick wirkt der Bericht deutlich freundlicher als viele frühere Quartalsmeldungen des Unternehmens: mehr Umsatz, mehr verkaufte Motorräder, weniger operativer Verlust und ein verbesserter Cashflow. Für uns ist dabei vor allem das Motorradsegment interessant. Denn dort zeigt sich, dass LiveWire trotz weiterhin hoher Verluste wieder mehr Fahrzeuge auf die Straße bringt.
LiveWire verkauft wieder mehr Elektromotorräder
Im ersten Quartal 2026 hat LiveWire 91 Elektromotorräder ausgeliefert. Im Vorjahresquartal waren es lediglich 33 Einheiten. Das entspricht einem Plus von 176 Prozent. Der Umsatz im Motorradsegment stieg im gleichen Zeitraum von 0,4 auf 1,4 Millionen US-Dollar, also um 236 Prozent. Der operative Verlust im Motorradgeschäft verringerte sich von 19,4 auf 16,7 Millionen US-Dollar.
Damit bleibt LiveWire weit davon entfernt, im Motorradgeschäft profitabel zu arbeiten. Aber die Richtung ist besser als vor einem Jahr. Der Konzern verweist selbst darauf, dass die Verbesserung nicht nur aus höheren Verkaufszahlen kommt, sondern auch aus geringeren Vertriebs-, Verwaltungs- und Entwicklungskosten. Konkret nennt LiveWire einen stärkeren Fokus auf Kostensenkungen, vor allem bei Personalkosten.
Für die gesamte LiveWire Group sieht das Bild ähnlich aus. Der Konzernumsatz stieg im ersten Quartal 2026 von 2,7 auf 5,1 Millionen US-Dollar. Der operative Verlust sank von 20,7 auf 17,7 Millionen US-Dollar, der Nettoverlust von 19,3 auf 18,1 Millionen US-Dollar. Der freie Cashflow verbesserte sich von minus 18,1 auf minus 13,6 Millionen US-Dollar.
STACYC trägt weiter den größeren Umsatzanteil
Bei aller Aufmerksamkeit für die Motorräder darf man nicht übersehen: Der größere Teil des Konzernumsatzes kommt weiterhin nicht von den großen LiveWire-Motorrädern, sondern von STACYC. Das Segment für elektrische Balance Bikes und E-Bikes verkaufte im ersten Quartal 3.959 Einheiten nach 1.970 Einheiten im Vorjahresquartal. Der Umsatz stieg von 2,3 auf 3,7 Millionen US-Dollar.
Das Motorradsegment ist für die Marke LiveWire zwar der Kern der öffentlichen Wahrnehmung. Finanziell bleibt es aber der schwierigere Teil des Geschäfts. 91 verkaufte Motorräder in einem Quartal sind für eine globale Motorradmarke weiterhin eine sehr kleine Zahl. Trotzdem ist der Sprung gegenüber dem Vorjahr relevant, weil er zeigt, dass Nachfrage vorhanden ist, sobald Modellangebot, Verfügbarkeit und Preis besser zusammenpassen.
Die ONE rückt wieder in den Mittelpunkt
Besonders interessant wird der Quartalsbericht vor dem Hintergrund der massiven Preissenkung der LiveWire ONE in Deutschland. Mitte März 2026 hatte LiveWire den offiziellen Einstiegspreis der ONE auf 14.790 Euro reduziert. Damit liegt das frühere Top-Modell plötzlich in direkter Schlagdistanz zur Honda WN7, die mit 14.780 Euro angekündigt ist. Zum Europa-Start 2023 hatte die LiveWire ONE noch 24.990 Euro gekostet.
Technisch bleibt die ONE trotz ihres Alters ein starkes Angebot. Sie bietet 15,4 kWh Batteriekapazität, 75 kW Spitzenleistung, 114 Nm Drehmoment, 177 km/h Höchstgeschwindigkeit und DC-Schnellladen. Von 0 auf 80 Prozent sollen rund 40 Minuten vergehen, 100 Prozent werden laut LiveWire nach etwa einer Stunde erreicht. Die angegebenen Reichweiten liegen bei 235 Kilometern in der Stadt und 153 Kilometern im kombinierten Zyklus.
Genau diese Kombination ist im Markt weiterhin selten. Viele neue Elektromotorräder treten zwar moderner auf, bieten aber kleinere Akkus, geringere Ladeleistung oder verzichten ganz auf CCS. Die ONE ist schwer, nicht mehr taufrisch und stammt technisch noch sichtbar aus der ersten großen LiveWire-Generation. Aber sie ist ein echtes Motorrad mit großem Akku, hoher Leistung und brauchbarer Schnellladefähigkeit.
Preissenkung mit sichtbarer Wirkung
Die neuen Quartalszahlen lassen noch keine direkte Aussage darüber zu, wie stark die Preissenkung der ONE in Europa bereits auf Q1 eingezahlt hat. Sie kam schließlich erst Mitte März, also kurz vor Ende des Quartals. Trotzdem passt der Zeitpunkt auffällig gut zu den Rückmeldungen aus dem Handel: Nach Einschätzung einzelner Händler dürfte es sich bei der Aktion vor allem um einen Abverkauf vorhandener Lagerbestände handeln.
Dem Vernehmen nach sind zumindest die Bestände der ONE in den europäischen Zentrallagern inzwischen weitestgehend leer gekauft. Einzelne Händler verfügen noch über Restposten oder Vorführmaschinen. Für LiveWire ist das ein wichtiges Signal. Die ONE war offenbar nicht grundsätzlich uninteressant. Bei knapp 25.000 Euro blieb sie jedoch ein sehr exklusives Premiumprodukt. Bei 14.790 Euro verändert sich die Markteinordnung deutlich.
Plötzlich steht die ONE nicht mehr nur als teures Prestigeobjekt im Raum, sondern als ernsthafte Alternative im oberen Mittelklassebereich. Dann zählen Akku, Ladefähigkeit, Fahrleistungen und Markenimage anders. Vor allem die Kombination aus großem Akku und CCS-Schnellladung verschafft ihr weiterhin einen praktischen Vorteil gegenüber vielen jüngeren Wettbewerbern.
S2 und S4 als künftiger Schwerpunkt
LiveWire selbst spricht im Quartalsbericht vor allem über den weiteren Verlauf des Jahres 2026 und die anstehende S4 Honcho. Die Produktion des neuen Modells soll weiterhin im Frühjahr 2026 starten. Damit richtet sich der Blick zunehmend auf die kleineren Plattformen.
Das passt zur bisherigen Strategie: Die S2-Modelle sind leichter, günstiger zu produzieren und vermutlich näher an dem, was LiveWire als skalierbares Elektromotorradgeschäft aufbauen möchte. Die S4 Honcho könnte diesen Weg nach unten beziehungsweise in Richtung leichterer, zugänglicherer Fahrzeuge erweitern.
Offen bleibt damit, welche Rolle die S1-Plattform der ONE künftig noch spielt. Die ONE ist das ikonische Modell der Marke. Sie ist groß, stark und technisch immer noch überzeugend. Gleichzeitig stammt sie aus einer frühen Entwicklungsphase, dürfte teuer in der Herstellung sein und steht in einem Segment, das bislang nur langsam wächst.
Die SteckerBiker meinen:
Die Q1-Zahlen sind kein Durchbruch, aber sie sind ein Lebenszeichen. LiveWire verkauft wieder mehr Motorräder, reduziert die Verluste leicht und kann zeigen, dass im Markt durchaus Bewegung steckt. Besonders spannend ist dabei die ONE. Der drastisch gesenkte Preis hat offenbar gezeigt, dass für ein großes Elektromotorrad mit CCS, starkem Akku und ernstzunehmender Leistung weiterhin Interesse vorhanden ist.
Dass die europäischen Lagerbestände dem Vernehmen nach weitgehend abverkauft sind, macht diese Beobachtung noch interessanter. Es spricht dafür, dass die bisherige Zurückhaltung vieler Käufer weniger am Motorrad selbst lag, sondern vor allem an seiner früheren Preispositionierung. Bei 24.990 Euro war die ONE schwer zu vermitteln. Bei 14.790 Euro wurde sie plötzlich zu einem der attraktivsten großen Elektromotorräder am Markt.
Was daraus folgt, bleibt offen. Es lässt sich derzeit nicht sagen, ob LiveWire die Produktion der ONE in ihrer bisherigen Form wieder hochfährt, ein technisch aktualisiertes Nachfolgemodell vorbereitet oder die S1-Serie auslaufen lässt, um sich künftig stärker auf kleinere Elektromotorräder wie die S2- und S4-Serie zu konzentrieren. Belastbare Aussagen dazu gibt es derzeit nicht.
Auf alle Fälle sollten wir in Q2 einen weiteren Anstieg der Verkaufszahlen sehen, sowohl bei der Stückzahl als auch beim Verkaufserlös. Denn wenn der Abverkauf der ONE erst Mitte März richtig eingesetzt hat, müsste der Effekt im zweiten Quartal deutlicher sichtbar werden. Wir werden sehen, was man in Milwaukee daraus macht und wohin die Reise führen wird.