Orven Bikes: Ein Erbe auf zwei Rädern
Schöne Motorräder bauen ist eine Sache. Sie erfolgreich verkaufen und ihre Besitzer langfristig glücklich machen, eine ganz andere. Das musste auch der niederländische Elektromoped-Hersteller Eysing erfahren. Seine außergewöhnlichen Retro-Maschinen sorgten für Aufmerksamkeit und Begeisterung, konnten das Unternehmen aber nicht vor der Insolvenz bewahren. Nun bekommt die Idee mit Orven Bikes eine zweite Chance. Doch kann es dem neuen Hersteller gelingen, aus diesem besonderen Erbe eine Erfolgsgeschichte zu machen?
Von der Garage bis zur Insolvenz
Die Geschichte beginnt 2017 in einer Garage im niederländischen Vught. Vier Freunde waren auf der Suche nach einem Elektromoped, das nicht wie ein gewöhnlicher Roller aussah. Weil sie nichts Passendes fanden, beschlossen sie kurzerhand, selbst eines zu bauen.
Inspiriert von historischen Motorrädern entstand der Eysing Pioneer. Große Speichenräder, ein schlanker Rahmen und eine Formensprache, die an die Motorradwelt der 1920er- und 1930er-Jahre erinnerte.
Die ungewöhnlichen Elektromopeds fanden ihre Liebhaber. Eysing wuchs, baute eine eigene Fertigung auf und arbeitete schließlich sogar mit dem italienischen Designstudio Pininfarina zusammen. Aus dieser Kooperation entstand die PF40, ein exklusives Elektromoped, das mit einem angekündigten Preis von rund 14.000 Euro allerdings auch finanziell in einer besonderen Liga spielte.
Doch schöne Motorräder allein garantieren noch keinen wirtschaftlichen Erfolg. Anfang 2024 musste Eysing Insolvenz anmelden. Die Finanzierung des weiteren Wachstums war nicht gesichert.
Damit schien die Geschichte dieser außergewöhnlichen Elektrozweiräder zunächst beendet.
Orven Bikes – ein neuer Anlauf
Ganz verschwunden war die Idee allerdings nicht.
Der niederländische Unternehmer Hans Mies van Tongeren hatte bereits als Investor Erfahrungen mit einem niederländischen Elektrozweiradunternehmen gesammelt. Die Idee, klassische Motorradästhetik mit moderner Elektrotechnik zu verbinden, lebt nun in seinem neuen Projekt weiter.
Mit Orven Bikes entsteht eine eigenständige Marke, die nicht nur mit ihrem Design überzeugen möchte. Auch Produktion, Vertrieb und Kundendienst sollen von Anfang an auf einer tragfähigen Grundlage stehen.
Hinter dem Projekt steht die Investmentgesellschaft Zenith Venture Capital Partners, deren Gründer Hans Mies van Tongeren ist. Sein persönliches finanzielles Engagement beziffert er auf rund 1,3 Millionen Euro.
Bei der Fertigung setzt Orven auf einen externen Produktionspartner. Das eigene Team kann sich dadurch stärker auf Entwicklung, Design und Vertrieb konzentrieren.
Ob dieses Konzept am Ende aufgeht, wird sich zeigen. An Ideen mangelt es jedenfalls nicht.
Touring, Sport und Trail – drei Charaktere
Mit Touring, Sport und Trail möchte Orven unterschiedliche Fahrertypen ansprechen. Und dank des hauseigenen Konfigurators wissen wir inzwischen auch, was die Elektromotorräder kosten sollen.
Den Einstieg macht die elegante Orven Touring ab 3.799 Euro. Sie setzt auf klassische Linien, eine entspannte Sitzposition und einen komfortorientierten Auftritt.
Die Orven Sport beginnt bei 4.399 Euro und präsentiert sich mit ihrer dynamischeren Gestaltung etwas temperamentvoller.
Wer es rustikaler mag, greift zur Orven Trail ab 4.999 Euro. Grobstollige Reifen, hochgezogene Schutzbleche und ihre geländeorientierte Optik verleihen ihr einen ganz eigenen Charakter.
Unabhängig von den drei Modellvarianten sieht Orven Ausführungen in den Geschwindigkeitsklassen 25, 45 und 85 km/h vor. Damit reicht das Angebot vom gemütlichen Elektromoped bis zum schnelleren Elektrozweirad für Stadt und Landstraße.
Drei Leistungsstufen und jede Menge Farben
Auch bei der Leistung lässt Orven seinen Kunden die Wahl. Im Konfigurator stehen drei Leistungsstufen zur Verfügung: Eco mit 350 Watt, Sport mit 500 Watt für 400 Euro Aufpreis und Pro mit 1.000 Watt für zusätzliche 900 Euro.
Die Eco-Variante ist laut Hersteller auf maximale Effizienz und Reichweite ausgelegt. Die Sport-Ausführung soll einen ausgewogenen Kompromiss zwischen Leistung und Verbrauch bieten, während Pro die leistungsstärkste Option darstellt.
Allerdings werfen die angegebenen Wattzahlen noch Fragen auf. Gerade im Zusammenhang mit der angekündigten Höchstgeschwindigkeit von 85 km/h erscheinen sie ungewöhnlich niedrig. Ob es sich dabei tatsächlich um die Motorleistungen oder um anders definierte Leistungsangaben handelt, bleibt vorerst offen.
Dafür bietet der Konfigurator reichlich Möglichkeiten zur optischen Individualisierung. Neben den drei Standardfarben Gloss Black, Old English White und Italian Mocca stehen sechs weitere Lackierungen für jeweils 200 Euro Aufpreis zur Verfügung.
Wer es besonders auffällig mag, kann sich für eine der drei Signature-Lackierungen entscheiden. Für 600 Euro zusätzlich gibt es unter anderem die Designs Italian Tricolore, Gulf Racing und JP Special.
Damit dürfte es zumindest optisch schwierig werden, zwei identische Orven-Motorräder nebeneinander zu finden.
Italian Flair – ein bisschen Luxus auf zwei Rädern
Dass Orven auch die besonders exklusiven Wünsche seiner Kunden bedienen möchte, zeigt die Italian Flair Edition.
Inspiriert von der italienischen Riviera und klassischen Luxusyachten präsentiert sich die Sonderedition in tiefblauer Metallic-Lackierung. Dazu kommen eine Sitzbank aus italienischem Nappaleder, hochglänzende Echtholz-Applikationen und zahlreiche liebevoll gestaltete Details.
Das Ergebnis wirkt beinahe wie ein klassisches Motorrad, das sich für einen Ausflug an die Côte d’Azur besonders schick gemacht hat.
Die Italian Flair Edition ist auf lediglich 15 Exemplare limitiert. Jeweils fünf Motorräder sind in den Geschwindigkeitsvarianten mit 25, 45 und 85 km/h vorgesehen.
Zur angekündigten Ausstattung gehören unter anderem eine einstellbare Vorderradfederung, ein LED-Scheinwerfer und eine individuell nummerierte Plakette. Ein passender Helm, ein Gepäckkoffer, Fahrzeugabdeckungen und ein Echtheitszertifikat sollen ebenfalls zum Lieferumfang gehören.
Was kostet der Spaß? Das verrät Orven bei dieser exklusiven Edition bislang nur auf Anfrage.
Die ersten Exemplare sollen am 1. März 2027 in Zürich vorgestellt und an ihre Besitzer übergeben werden.
Moderne Technik hinter klassischer Fassade
Nach Unternehmensangaben befinden sich acht unterschiedlich konfigurierte Prototypen in der abschließenden Phase einer zwölfmonatigen Erprobung. Dabei werden verschiedene Rahmen- und Fahrwerkslösungen unter realen Bedingungen getestet. Die gewonnenen Erkenntnisse sollen noch in die endgültige Serienkonstruktion einfließen.
Am 9. Oktober 2026 gab Orven außerdem bekannt, dass nach eigenen Angaben die erforderlichen Straßenzulassungen für die EU und die Schweiz in allen drei Geschwindigkeitsklassen vorliegen.
Bei den technischen Daten lässt sich das Unternehmen dagegen noch nicht allzu tief in die Karten schauen. Für die besonders sparsame Eco-Variante nennt Orven eine Reichweite von bis zu 220 Kilometern pro Akkuladung. Konkrete Angaben zur Akkukapazität, Ladeleistung oder Ladezeit fehlen bislang jedoch.
Auch die Frage, ob die Akkus entnehmbar sind und wo genau sie im Fahrzeug untergebracht werden, bleibt vorerst unbeantwortet. Gerade für Fahrer ohne eigene Lademöglichkeit dürfte das ein entscheidender Punkt sein.
Für das zweite Quartal 2027 plant Orven außerdem zehn europäische Verkaufsstandorte, darunter Amsterdam, Rotterdam, Zürich, Mailand und Marbella. Statt ausschließlich auf klassische Motorradhändler zu setzen, sind auch Shop-in-Shop-Konzepte vorgesehen. Deutschland steht bislang nicht auf der Liste der ersten Standorte.
Die #SteckerBiker meinen:
Ein Erbe anzutreten ist nicht immer einfach. Erst recht nicht, wenn der Vorgänger trotz wunderschöner Motorräder wirtschaftlich gescheitert ist.
Uns gefällt an Orven nicht nur die außergewöhnliche Optik, sondern auch der Mut, einer guten Idee eine zweite Chance zu geben. Besonders die Italian Flair Edition mit ihrer Kombination aus Metallicblau, Leder und Echtholz hat es uns angetan. Wobei wir uns vermutlich kaum trauen würden, damit bei schlechtem Wetter vor die Tür zu fahren!
Auch die Preise ab 3.799 Euro und die zahlreichen Möglichkeiten zur Individualisierung machen neugierig. Allerdings bleiben noch Fragen offen. Wie groß sind die Akkus? Lassen sie sich entnehmen? Und wie alltagstauglich sind die angekündigten Reichweiten tatsächlich?
Das vielleicht wichtigste Erbe von Eysing ist schließlich die Erkenntnis, dass Begeisterung allein noch kein erfolgreiches Unternehmen macht. Orven muss nun beweisen, dass neben dem Design auch Technik, Qualität und Kundendienst überzeugen.
Wir drücken den Niederländern jedenfalls die Daumen und blicken gespannt auf den 1. März 2027, wenn in Zürich die ersten Exemplare der Italian Flair Edition vorgestellt und an ihre Besitzer übergeben werden sollen. Wir werden berichten!