BMW investiert in Venna: Neustart für das Flux Primo?
BMW Motorrad investiert in den Elektromotorradhersteller Venna. Noch nie gehört? Kein Wunder, denn unter diesem Namen tritt das Unternehmen erst seit Kurzem auf. Dahinter steckt allerdings ein alter Bekannter: Flux Performance aus Slowenien, das bereits 2022 mit dem elektrischen Motocross-Motorrad Primo auf sich aufmerksam machte. Seitdem ist einiges passiert. Das Motorrad ließ auf sich warten, prominente Köpfe aus der Elektromotorradbranche kamen an Bord und schließlich wurde das gesamte Projekt neu ausgerichtet. Mit BMW im Rücken soll nun der Durchbruch gelingen.
BMW Motorrad entdeckt den elektrischen Offroad-Markt
BMW Motorrad hat am 29. Oktober 2026 bekannt gegeben, sich am Elektromotorrad-Start-up Venna zu beteiligen. Über die Höhe der Investition und den erworbenen Unternehmensanteil schweigen sich die Münchner aus. Bekannt ist lediglich, dass beide Unternehmen künftig in ausgewählten Bereichen zusammenarbeiten wollen. Venna soll dabei eigenständig bleiben, aber von BMWs Erfahrung bei Entwicklung, Industrialisierung und internationaler Vermarktung profitieren.
„Mit Venna haben wir einen Partner gefunden, der unsere Leidenschaft für technische Exzellenz und außergewöhnliche Fahrerlebnisse teilt“, erklärt BMW-Motorrad-Chef Markus Flasch. Die Partnerschaft eröffne neue Perspektiven und helfe dabei, neue Zielgruppen für das Motorradfahren zu begeistern.
Das ist durchaus bemerkenswert. Schließlich hatte Flasch in der Vergangenheit wiederholt erklärt, dass er für große elektrische Straßenmotorräder derzeit keinen ausreichenden Markt sehe. Im Offroad-Bereich scheint BMW die Situation anders einzuschätzen.
Das ist auch nachvollziehbar. Während bei einem Reisemotorrad Reichweite und Ladegeschwindigkeit eine entscheidende Rolle spielen, gelten auf einer Motocross-Strecke andere Anforderungen. Hier zählen Leistung, Fahrbarkeit, Gewicht und Zuverlässigkeit. Dazu kommen die Vorteile eines nahezu geräuschlosen Antriebs, der möglicherweise sogar neue Trainingsmöglichkeiten eröffnet.
Mit der Beteiligung an Venna kann BMW Erfahrungen in diesem Segment sammeln, ohne selbst von Grund auf ein elektrisches Motocross-Motorrad entwickeln zu müssen.
Flux Primo: Ein vielversprechender Anfang
Wer die Entwicklung elektrischer Offroad-Motorräder verfolgt, dürfte sich noch an Flux Performance erinnern. Das slowenische Unternehmen präsentierte 2022 mit dem Primo ein ausgesprochen ambitioniertes Elektromotorrad.
Die angekündigten technischen Daten konnten sich sehen lassen: 85 PS Motorleistung, ein 7-kWh-Akku mit 450 Volt Spannung und ein aufwendiges Kühlsystem. Besonders interessant war das Akkukonzept. Die Batterie sollte sich seitlich aus dem Motorrad entnehmen und innerhalb kürzester Zeit austauschen lassen.
Damit wollte Flux eines der größten Probleme elektrischer Offroad-Motorräder lösen. Statt während eines Trainingstages längere Ladepausen einlegen zu müssen, sollte ein frischer Akku genügen, um direkt weiterzufahren.
Auch beim Fahrwerk wollte man keine Kompromisse eingehen. Komponenten von KYB und Öhlins sollten dafür sorgen, dass sich das Primo nicht nur auf dem Datenblatt, sondern auch auf der Strecke mit etablierten Verbrennermodellen messen konnte.
Allerdings handelte es sich bei diesen Angaben um die Spezifikationen des damaligen Prototyps. Ob sie für das kommende Venna-Motorrad noch irgendeine Bedeutung haben, ist derzeit völlig offen.
Unser Medienpartner THEPACK.news berichtete bereits mehrfach zu Flux Performance. Alle Artikel findet Ihr hier: https://thepack.news/brand/flux-performance/
Aus 2024 wurde 2025, dann 2026 und schließlich 2027
An ambitionierten Ankündigungen mangelte es Flux nicht. Ursprünglich sollten bereits 2024 erste Motorräder ausgeliefert werden. Später wurde daraus 2025.
Im Juli 2024 kündigte das Unternehmen an, noch im selben Jahr eine serienorientierte Version vorzustellen. Die ersten Auslieferungen sollten Ende 2025 erfolgen.
Im April 2025 meldete Flux dann den erfolgreichen Abschluss einer ersten Finanzierungsrunde. Gleichzeitig wurde der Zeitplan erneut angepasst: Die Vorstellung des Serienmotorrads sollte nun in der zweiten Jahreshälfte 2025 erfolgen, der Produktionsbeginn 2026.
Auch daraus wurde nichts.
In einer persönlichen E-Mail an die bisherigen Flux-Interessenten, die auch SteckerBiker erreichte, erklären die Unternehmensgründer jetzt, was zwischenzeitlich passiert ist.
Ende 2025 habe man sich bewusst aus der Öffentlichkeit zurückgezogen, um das Projekt grundlegend neu auszurichten. Das Entwicklungsteam wurde erweitert, eine neue Strategie ausgearbeitet und mit der Entwicklung eines serienorientierten Motorrads begonnen, obwohl die dafür notwendige Finanzierung noch gar nicht gesichert war.
Ein riskanter Schritt, wie Venna selbst einräumt.
Erst im August 2026 konnte das Unternehmen die benötigte Finanzierung abschließen. Seitdem gehe die Entwicklung mit deutlich höherem Tempo voran.
Das Ergebnis soll im Januar 2027 erstmals öffentlich gezeigt werden. Einen Termin für den Produktionsbeginn oder die ersten Auslieferungen nennt Venna allerdings nicht.
Alta Motors: Marc Fenigstein ist schon lange dabei
Mindestens ebenso interessant wie die Beteiligung von BMW ist ein Blick auf die Personen hinter Venna.
Eine zentrale Rolle spielt Marc Fenigstein, Mitgründer und ehemaliger CEO von Alta Motors. Das amerikanische Unternehmen hatte mit seinen Redshift-Modellen bereits vor rund zehn Jahren eindrucksvoll gezeigt, welches Potenzial elektrische Motocross-Motorräder besitzen.
Alta entwickelte technisch anspruchsvolle und leistungsfähige Maschinen, konnte sich wirtschaftlich aber nicht dauerhaft behaupten. 2018 musste das Unternehmen seinen Betrieb einstellen.
Fenigstein kennt damit sowohl die technischen Herausforderungen als auch die wirtschaftlichen Risiken, die mit der Entwicklung und Produktion elektrischer Motorräder verbunden sind.
Interessanterweise ist seine Verbindung zu Flux keineswegs neu. Bereits im Juli 2024 wurde er offiziell als Investor und Mitglied des Beirats vorgestellt. Damals erklärte er, das Unternehmen schon seit etwa einem Jahr zu beraten.
Fenigstein begleitet das Projekt also offenbar bereits seit 2023. Im Zuge der Neuausrichtung hat er nun die Position des Chief Commercial Officer übernommen und wird in der aktuellen Venna-Mitteilung als Mitgründer bezeichnet.
Seine Aufgabe dürfte insbesondere darin bestehen, aus dem Entwicklungsprojekt ein wirtschaftlich tragfähiges Unternehmen zu machen.
Stark Future: Auch Cesar Ferreira ist an Bord
Noch spannender wird die Personalgeschichte durch Cesar Ferreira. Er war zuvor bei Stark Future tätig, unter anderem als Chief Vehicle Engineer und CTO.
Stark hat mit der Varg gezeigt, dass leistungsstarke elektrische Offroad-Motorräder nicht nur als Prototypen funktionieren, sondern sich auch in nennenswerten Stückzahlen produzieren und verkaufen lassen.
Ferreira bringt damit Erfahrungen aus einem Unternehmen mit, das genau den Schritt bereits geschafft hat, vor dem Venna noch steht: den Übergang von der Entwicklung zur industriellen Serienfertigung.
Allerdings ist auch Ferreira kein Neuzugang der vergangenen Wochen. Seine Verpflichtung als CTO von Flux wurde bereits im Juni 2025 bekannt gegeben.
Mit Fenigstein und Ferreira hatte Flux somit schon vor dem aktuellen Neustart zwei erfahrene Führungskräfte aus der Elektromotorradbranche verpflichtet.
Aus Flux wird Venna – und aus Slowenien wird Los Angeles
Neben der technischen und personellen Neuausrichtung hat sich auch die Unternehmensstruktur verändert.
Der Hauptsitz wurde nach Los Angeles verlegt. Gleichzeitig hat Venna nach eigenen Angaben sein europäisches Entwicklungsteam vervierfacht.
Mit dem neuen Namen möchte das Unternehmen offenbar auch einen sichtbaren Schlussstrich unter die bisherige Geschichte ziehen.
Venna leitet sich vom lateinischen Wort „vena“ für Ader ab. Der Name soll die unmittelbare, beinahe körperliche Verbindung zwischen Fahrer und Maschine zum Ausdruck bringen.
Die bisherige Marke Flux verschwindet damit aus der Kommunikation. Ob das auch bedeutet, dass die ursprüngliche Primo-Plattform vollständig aufgegeben wurde, bleibt offen.
Interessant ist zudem die unterschiedliche Schwerpunktsetzung der beiden aktuellen Unternehmensmitteilungen.
Während BMW ausdrücklich den Markt für elektrische Offroad-Motorräder hervorhebt, formuliert Venna einen deutlich umfassenderen Anspruch.
„Unser Anspruch bei Venna ist es, leistungsstarke Elektromotorräder für alle Fahrkategorien zu entwickeln“, erklärt CEO Marko Ukota.
Das lässt zumindest die Möglichkeit offen, dass Venna langfristig auch andere Motorradsegmente bedienen möchte. Konkrete Modelle jenseits des angekündigten Motorrads sind allerdings nicht bekannt.
BMW und Venna: Eine Partnerschaft mit Potenzial
Für BMW könnte die Beteiligung eine vergleichsweise unkomplizierte Möglichkeit sein, sich Zugang zu einem Markt zu verschaffen, in dem andere Hersteller bereits erhebliche Fortschritte gemacht haben.
Vor allem Stark Future hat die Maßstäbe im elektrischen Offroad-Segment deutlich verschoben. Wer heute ein neues Elektromotorrad auf den Markt bringen möchte, muss mehr bieten als beeindruckende Leistungsdaten.
Entscheidend sind inzwischen auch die Qualität der Serienfertigung, eine zuverlässige Ersatzteilversorgung, funktionierende Vertriebsstrukturen und ein konkurrenzfähiger Preis.
Genau hier könnte BMW für Venna besonders wertvoll werden. Umgekehrt erhält BMW Zugang zu einem Entwicklungsteam, das Erfahrungen aus Alta Motors, Stark Future und weiteren Elektromotorradprojekten vereint.
Ob aus der Zusammenarbeit irgendwann auch ein elektrisches Offroad-Motorrad mit BMW-Logo entsteht, ist allerdings reine Spekulation. Weder eine gemeinsame Modellplattform noch eine Nutzung des BMW-Händlernetzes wurden angekündigt.
Auch die finanziellen Verhältnisse bleiben unklar. Venna spricht von einer im August abgeschlossenen Finanzierung, BMW bestätigt seine Beteiligung. Ob die Münchner diese Finanzierungsrunde angeführt haben und wie viel Geld tatsächlich geflossen ist, wurde nicht bekannt gegeben.
Die SteckerBiker meinen:
Die Geschichte von Flux beziehungsweise Venna zeigt einmal mehr, wie schwierig es ist, aus einem vielversprechenden Elektromotorradprototyp ein marktfähiges Serienprodukt zu machen.
An technischen Ideen hat es Flux offensichtlich nicht gemangelt. Auch die Verpflichtung erfahrener Branchenkenner begann lange vor dem aktuellen Neustart. Trotzdem wurde aus den angekündigten Lieferterminen bislang nichts.
Mit BMW kommt nun ein Partner hinzu, der gerade bei der Industrialisierung wertvolle Unterstützung leisten könnte. Die Kombination aus den Erfahrungen von Alta Motors, Stark Future und BMW Motorrad klingt jedenfalls vielversprechend.
Allerdings sollte man nicht vergessen, dass auch Alta Motors technisch hervorragende Motorräder entwickelte und letztlich an den wirtschaftlichen Realitäten scheiterte.
Und während Flux über Jahre an seinem Primo arbeitete, hat Stark Future längst wettbewerbsfähige Motorräder auf den Markt gebracht und sich einen erheblichen Vorsprung erarbeitet, ob Venna diesen Rückstand aufholen kann, wird sich erst zeigen müssen.
Wir sind jedenfalls gespannt, was im Januar 2027 präsentiert wird. Besonders interessiert uns, ob das ursprünglich angekündigte Wechselakkukonzept überlebt hat. Denn das wäre nach wie vor ein interessantes Alleinstellungsmerkmal.
Bis dahin bleibt festzuhalten: BMW hat sich nicht einfach an irgendeinem neuen Start-up beteiligt. Die Münchner investieren in ein Projekt mit einer durchaus bewegten Geschichte und einem bemerkenswert erfahrenen Team.
Ob daraus endlich ein erfolgreiches Serienmotorrad entsteht, werden wir sehen.