Zero Project Ventura: Die FXE-Idee lebt als Funbike weiter
Auf der EICMA 2026 hat Zero Motorcycles mit dem Project Ventura einen Prototyp vorgestellt, der vor allem eines verspricht: Fahrspaß. Ein leichtes Elektromotorrad im Supermoto-Stil, das von Project Ventura inspiriert ist, soll im Sommer 2027 auf den Markt kommen und eine neue Zielgruppe erschließen. Dabei setzt Zero auf die technische Plattform der XE, kombiniert sie mit einer deutlich straßenorientierten Ausstattung und einem Design, das Erinnerungen an die inzwischen eingestellte FXE weckt. Wir haben uns das Motorrad auf der Messe genauer angesehen und mit Zero über die technischen Hintergründe gesprochen.
Zero Project Ventura: Die Rückkehr der elektrischen Supermoto
Wer die Modellgeschichte von Zero Motorcycles kennt, dürfte beim Anblick der Ventura ein Déjà-vu erleben. Die schmale Silhouette, die hochgezogene Sitzbank, die aufrechte Sitzposition und die kantige Verkleidung erinnern stark an die Zero FXE, die inzwischen aus dem Programm verschwunden ist. Auch deren Vorgängerin FXS hatte bereits auf das Supermoto-Konzept gesetzt.
Diese Ähnlichkeit ist kein Zufall. Bei der Präsentation auf der EICMA erklärte Jim Callahan, Chief Product and Partnerships Officer von Zero Motorcycles, dass elektrische Supermotos schon lange zur DNA des Unternehmens gehören. Mit der Ventura möchte Zero diese Tradition wieder aufgreifen, allerdings auf einer anderen technischen Grundlage.
Denn während die FXE noch auf der älteren Zero-Plattform basierte und mit einem 7,2-kWh-Akku ausgestattet war, verwendet Ventura die wesentlich jüngere Plattform der Zero XE. Das elektrische Offroad-Motorrad bildet damit die technische Basis für die neue Straßenmaschine.
Über 20 kW Leistung und bis zu 130 km/h
Der Antrieb soll gegenüber der XE deutlich kräftiger ausfallen. Jim Callahan sprach bei der Vorstellung von einer angestrebten Leistungssteigerung um rund 30 Prozent. Zero nennt für Ventura eine Spitzenleistung von über 20 kW, also mehr als 27 PS.
Damit soll das Motorrad kurzzeitig bis zu 130 km/h erreichen. Als dauerhaft mögliche Geschwindigkeit gibt Zero dagegen 105 km/h an, was üblicherweise mit thermischen und elektrischen Belastungsgrenzen des Antriebs zusammenhängt.
Die Ventura ist für die europäische Führerscheinklasse A1 vorgesehen und damit auch für Fahrer mit der deutschen B196-Erweiterung interessant. Entscheidend ist hierfür die noch nicht veröffentlichte Nenndauerleistung, denn die deutlich höhere Spitzenleistung allein steht einer A1-Zulassung nicht entgegen.
Für den Straßenbetrieb bekommt das Motorrad 17-Zoll-Gussräder mit entsprechender Bereifung. ABS ist serienmäßig vorgesehen, ebenso die Möglichkeit, einen Sozius mitzunehmen. Damit unterscheidet sich die Ventura deutlich von ihrer Offroad-Verwandten.
Wie viel die Maschine wiegen wird, ist bislang nicht bekannt. Gerade für ein Motorrad, dessen Hauptargument die Handlichkeit sein soll, dürfte das ein wichtiger Wert werden.
Typ-2-Laden mit 2 kW: Mehr Alltagstauglichkeit als die XE
Eine wesentliche Verbesserung gegenüber der XE betrifft die Ladetechnik. Während die Offroad-Maschine mit einem externen Ladegerät geladen wird, bekommt die Ventura ein fest eingebautes Ladegerät.
Im SteckerBiker-Interview wurde uns eine Ladeleistung von 2 kW bestätigt. Der auf der EICMA ausgestellte Prototyp verfügte außerdem über einen einphasigen Typ-2-Ladeanschluss. Damit lässt sich das Motorrad grundsätzlich auch an den in Europa verbreiteten öffentlichen AC-Ladesäulen laden.
Wie lange ein vollständiger Ladevorgang dauern wird, lässt sich allerdings noch nicht seriös angeben. Dazu fehlt die entscheidende Information über die Akkukapazität.
Zero Ventura bekommt eigene Batterie und neue Konnektivität
Besonders interessant war für uns ein genauer Blick auf den Akku des ausgestellten Motorrads. Dieser sieht dem herausnehmbaren Akku der Zero XE erstaunlich ähnlich. Dessen Kapazität beträgt 4,3 kWh.
Allerdings erklärte uns Kanyon Kluge im Interview ausdrücklich, dass Ventura einen eigenen Akku erhalten wird. Eine Kapazität wurde noch nicht genannt. Auch die Frage, ob dieser weiterhin herausnehmbar sein wird oder ob Zero sich für eine fest verbaute Batterie entscheidet, ist noch offen.
Bei der elektronischen Ausstattung wird Ventura dagegen den Anschluss an die anderen neuen Zero-Modelle finden. Wie der ebenfalls auf der EICMA vorgestellte Elektroroller LS3 soll sie die neue Telemetrieanbindung erhalten.
Damit wird Ventura in die neue Zero-App eingebunden. Zu den angekündigten Funktionen gehören unter anderem individuell konfigurierbare Fahrmodi, die Aufzeichnung von Fahrten, Informationen zum Ladezustand und Möglichkeiten zur Anpassung der Cockpit-Anzeige. Auch die Suche nach Ladestationen und verschiedene Ladeeinstellungen sind Teil des neuen App-Konzepts.
Ein farbiges Display gehört ebenfalls zur vorgesehenen Ausstattung.
Marktstart 2027: Zero will neue Fahrer gewinnen
Noch handelt es sich bei Project Ventura um einen Prototyp. Zero betont ausdrücklich, dass man Rückmeldungen von Messebesuchern, Händlern und potenziellen Kunden in die weitere Entwicklung einfließen lassen möchte.
Die Serienversion soll im Sommer 2027 erhältlich sein. Der angepeilte Preis liegt unter 8.000 Euro. Damit würde sich Ventura preislich deutlich unterhalb der größeren Zero-Straßenmotorräder positionieren.
Wen Zero damit erreichen möchte, machte Jim Callahan bei der Präsentation deutlich: Menschen, die bisher auf E-Bikes und kleinen elektrischen Offroad-Motorrädern unterwegs sind und nun den nächsten Schritt machen möchten. Das neue Motorrad soll diesen Fahrern ein vollwertiges, straßentaugliches Fahrzeug bieten, ohne den spielerischen Charakter der kleineren Maschinen aufzugeben.
Die SteckerBiker meinen:
Project Ventura sieht für uns ganz eindeutig nach einem Fun-Projekt aus. Nach einem Motorrad für Menschen, die mit ihrer Sur-Ron oder einem anderen kleinen Elektromotorrad bereits viel Spaß haben, sich aber etwas mehr Leistung, eine höhere Geschwindigkeit und vor allem eine konsequente Ausrichtung auf den legalen Straßenbetrieb wünschen.
Hier geht es weniger um große Reisen als um den schnellen Spaß um die Ecke, die (kurze) Feierabendrunde und die kurvige Landstraße (unmittelbar) vor der Haustür. Und genau dafür könnte die Ventura ein ausgesprochen interessantes Angebot werden.
Etwas skeptischer sind wir bei der Reichweite. Zero nennt derzeit je nach Veröffentlichung 120 beziehungsweise 150 Kilometer unter realen Fahrbedingungen. Solange die Akkukapazität unbekannt ist, fällt es schwer, diese Werte einzuordnen.
Der im Prototyp verbaute Akku sieht dem der XE jedenfalls erstaunlich ähnlich. Zwar hat Kanyon Kluge ausdrücklich erklärt, dass Ventura eine eigene Batterie bekommt. Wir erwarten aber keinen wesentlich größeren Energiespeicher. Selbst wenn Zero auf einen fest verbauten, nicht entnehmbaren Akku setzt, der bei ähnlichen Abmessungen mehr Energie speichern könnte, dürfte der Unterschied nach unserer Einschätzung überschaubar bleiben.
Und genau hier liegt das Problem: Eine Akkukapazität, die im Gelände bei vergleichsweise niedrigen Durchschnittsgeschwindigkeiten noch ausreichend ist, kann auf der Straße schnell knapp werden. Wer die höhere Leistung und Geschwindigkeit der Ventura regelmäßig ausnutzt, wird entsprechend mehr Energie benötigen. Gerade bei zügiger Landstraßenfahrt könnte die tatsächliche Reichweite daher deutlich hinter den Erwartungen zurückbleiben.
Trotzdem halten wir Ventura für eine interessante Erweiterung der Zero-Modellpalette. Nicht jedes Elektromotorrad muss schließlich ein Tourenmotorrad sein. Und aus Herstellersicht ergibt es wesentlich mehr Sinn, eine vorhandene Plattform für unterschiedliche Einsatzzwecke weiterzuentwickeln, als für jedes neue Modell wieder eine völlig eigenständige technische Basis zu schaffen.
Mit XE und Ventura zeigt Zero, wie sich aus einer gemeinsamen Grundlage zwei durchaus unterschiedliche Motorräder entwickeln lassen. Ob die neue Supermoto tatsächlich den Nerv der angepeilten Zielgruppe trifft, wird sich ab Sommer 2027 zeigen.
Wir sind gespannt, wie die finale Umsetzung von Project Ventura dann am Markt angenommen wird.