Furion Taran: Das (Vorder-)Rad neu erfunden
326 PS, elektrischer Allradantrieb und eine ungewöhnliche Idee aus Frankreich. Mit der Taran möchte Furion zeigen, dass in der Entwicklung von Elektromotorrädern noch längst nicht alle Möglichkeiten ausgeschöpft sind. Dabei steckt hinter dem futuristischen Konzept mehr als nur ein weiterer Leistungsrekord. Doch was haben ein Wankelmotor und das Vorderrad mit der Zukunft des Elektromotorrades zu tun?
Von der M1 zur M2
Bereits 2017 entwickelt der französische Ingenieur und Unternehmer Marc Evenisse mit seinem Unternehmen Furion Motorcycles aus Le Mans die M1. Das Hybridmotorrad kombiniert einen Wankelmotor mit einem zusätzlichen elektrischen Antrieb. Eine Serienproduktion erreicht das Projekt allerdings nie. Später folgt mit der M3 ein weiteres Hybridkonzept auf Basis der dreirädrigen Yamaha Niken.
Mit der Furion M2 wird die Idee schließlich konkreter. Als Grundlage dient eine Yamaha MT-07, deren Zweizylindermotor weiterhin das Hinterrad antreibt. Im Vorderrad arbeitet zusätzlich ein Elektromotor mit rund 15 kW (20 PS), der beim Beschleunigen unterstützt und beim Bremsen Energie zurückgewinnt.
Das EVERSOR genannte System wird unter anderem auf der Rennstrecke von Alès in Südfrankreich erprobt. Damit kann Furion zeigen, dass die ungewöhnliche Antriebstechnik nicht nur auf dem Papier funktioniert.
Die Taran und ihre technischen Daten
Mit der Taran geht Furion nun einen entscheidenden Schritt weiter und verzichtet vollständig auf den Verbrennungsmotor. Der Name leitet sich von Taranis, dem keltischen Gott des Donners, ab. Das futuristische Design entstand unter Beteiligung von Takumi Yamamoto, der bereits am Konzeptfahrzeug GT by Citroën mitgewirkt hat.
Auch technisch haben sich die Franzosen einiges vorgenommen. Zwei Elektromotoren sollen Vorder- und Hinterrad antreiben und gemeinsam eine Spitzenleistung von 240 kW (326 PS) erreichen. Wie sich diese Leistung auf die beiden Räder verteilt, ist bislang nicht bekannt.
Die 20 kWh große Batterie soll eine Reichweite von bis zu 200 Kilometern ermöglichen. Das Gesamtgewicht gibt Furion mit 230 Kilogramm inklusive Akku an. Geplant ist außerdem eine 400-Volt-Architektur. Sämtliche Angaben beziehen sich auf den aktuellen Entwicklungsstand und müssen sich in der Praxis erst noch bestätigen.
Ein konkreter Verkaufspreis oder ein verbindlicher Marktstart stehen bislang nicht fest.
Axialflussmotor: Leicht gebaut, schwer zu beherrschen?
Während bei vielen Elektromotorrädern ein zentral eingebauter Motor über Riemen oder Kette das Hinterrad antreibt, geht Furion einen anderen Weg. Bei der Taran sollen beide Räder direkt von integrierten Axialflussmotoren angetrieben werden. Besonders interessant ist dabei die Konstruktion des Vorderrades.
Anders als bei einem herkömmlichen Radialflussmotor sind die magnetisch wirksamen Bauteile bei einem Axialflussmotor scheibenförmig angeordnet. Das ermöglicht eine besonders flache Bauweise und häufig ein hohes Drehmoment bei vergleichsweise geringem Gewicht. Je nach Konstruktion können außerdem die elektrischen Verluste geringer ausfallen, was den Wirkungsgrad verbessert.
Doch warum sieht man solche Motoren trotzdem so selten in Motorrad-Vorderrädern? Weil ihre Integration auch Nachteile mit sich bringt. Der Motor erhöht die ungefederte Masse, die von der Radaufhängung über Unebenheiten bewegt werden muss. Das kann das Ansprechverhalten der Federung und den Fahrbahnkontakt beeinträchtigen. Hinzu kommen Herausforderungen bei der Kühlung und beim Lenkverhalten.
Furion versucht zumindest einen Teil dieser Nachteile mit einem ungewöhnlichen technischen Kniff zu entschärfen: Eine rotierende Masse innerhalb des Vorderradantriebs soll sich kontrolliert entgegen der Drehrichtung des Rades bewegen. Dadurch möchte Furion die Kreiselkräfte gezielt beeinflussen und das Einlenken erleichtern. Laut Herstellerberechnungen könnte sich der dafür benötigte Kraftaufwand am Lenker um rund elf Prozent verringern.
Die genaue mechanische Umsetzung dieses patentierten Systems erläutert Furion bislang nur begrenzt. Fest steht allerdings: Auch eine gegenläufige Rotation kann das zusätzliche Gewicht im Vorderrad nicht verschwinden lassen. Ob die Vorteile tatsächlich überwiegen, muss sich deshalb erst auf der Straße zeigen.
EVERSOR: Bremsenergie dort nutzen, wo sie entsteht
Der zweite große Vorteil des Vorderradantriebs zeigt sich beim Bremsen. Dabei verlagert sich das Gewicht des Motorrades nach vorne. Während herkömmliche Elektromotorräder ihre Bremsenergie überwiegend über das zunehmend entlastete Hinterrad zurückgewinnen, kann Furion zusätzlich das stärker belastete Vorderrad nutzen.
Laut Hersteller sollen mit EVERSOR bis zu 77 Prozent der Bremsenergie zurückgewonnen werden können. Daraus errechnet Furion eine mögliche Reichweitensteigerung von 20 bis 30 Prozent, ohne die Batterie vergrößern zu müssen.
Diese beeindruckenden Werte stammen allerdings aus Simulationen, die mit Messungen eines fahrenden Versuchsfahrzeugs abgeglichen wurden. Dort konnte Furion bereits eine Rekuperationsleistung von 7,9 kW messen. Wie viel Energie die deutlich leistungsstärkere Taran später im Alltag tatsächlich zurückgewinnen kann, bleibt abzuwarten.
Zusätzlich soll eine elektronische Steuerung die Antriebskräfte zwischen beiden Rädern verteilen. Das könnte insbesondere auf nasser Fahrbahn oder beim Beschleunigen aus Kurven für zusätzliche Traktion sorgen.
EVERSOR soll damit gleich drei Aufgaben übernehmen: antreiben, Energie zurückgewinnen und das Fahrverhalten verbessern.
Die Taran ist nicht das eigentliche Geschäft
So spektakulär das Motorrad auch aussieht, Furion möchte offenbar gar nicht selbst zum großen Motorradhersteller werden. Stattdessen verfolgen die Franzosen ein anderes Geschäftsmodell: Sie wollen EVERSOR entwickeln, erproben und die Technologie anschließend an etablierte Motorradhersteller und Zulieferer lizenzieren.
Die Taran soll dabei als Technologieträger dienen und lediglich in einer exklusiven Kleinserie entstehen. Sie ist gewissermaßen das rollende Schaufenster für eine Antriebstechnologie, die künftig auch in Motorrädern anderer Marken zum Einsatz kommen könnte.
Damit müsste Furion nicht selbst eine umfangreiche Serienproduktion oder ein weltweites Händlernetz aufbauen. Voraussetzung ist allerdings, dass sich die Technik zuverlässig und wirtschaftlich in andere Motorräder integrieren lässt.
Noch ist das Zukunftsmusik. Zwar wurde EVERSOR bereits in einem fahrenden Versuchsfahrzeug getestet, eine vollständig fahrbereite Taran mit den angekündigten 326 PS wurde bislang jedoch nicht öffentlich präsentiert.
Die #SteckerBiker meinen:
Nicht die 326 PS machen die Furion Taran für uns interessant, sondern die Idee dahinter. Statt immer größere Batterien einzubauen, versuchen die Franzosen, vorhandene Energie effizienter zu nutzen und gleichzeitig die Fahreigenschaften zu verbessern.
Dass Furion seit Jahren an dieser Technik arbeitet und bereits fahrende Versuchsträger vorweisen kann, spricht für die Ernsthaftigkeit des Projekts. Trotzdem müssen sich die beeindruckenden Berechnungen erst noch im Alltag bewähren.
Vielleicht wird die Taran also nie zum Verkaufsschlager. Wenn EVERSOR Schule macht, hätte Furion trotzdem einiges bewegt – und zwar nicht nur das Vorderrad.