AJP Fulgora: frech, leicht, urban – A1 mit großer Batterie
Auch wenn über viele Neuheiten in der Welt der Elektromotorräder bereits auf den Pressetagen der EICMA berichtet wurde und ich im Großen und Ganzen wusste, was mich erwartet, so gibt es doch ein paar interessante Vorstellungen und Neuerscheinungen, die bisher an mir vorüber gegangen sind. Eine davon ist die Fulgora von AJP.
AJP – der Hersteller
AJP ist ein kleiner, aber traditionsreicher Motorradhersteller aus Portugal, bekannt für leichte Enduros und Adventure-Bikes mit klarer Offroad-DNA. Statt auf Masse setzt AJP seit jeher auf schmale, robuste Konstruktionen, niedrige Gewichte und ein sehr direktes Fahrgefühl. Mit der Fulgora wagen die Portugiesen nun den Schritt ins elektrische Segment – nicht als Startup, sondern als erfahrener Serienhersteller, der seine Leichtbau-Philosophie in die E-Welt übersetzt.
Auftritt: Comic-Cool auf dem Messestand
Am Stand von AJP fällt der knallblau lackierte Body eines sehr minimalistisch gestalteten Motorrads auf. Auf diesem prangt ein großes Hoheitszeichen, das man auf einem französischen Kampfflugzeug vermuten könnte. Ich erwarte fast, dass gleich Snoopy kommt, auf das Motorrad steigt und mit wehendem roten Schal auf die Jagd nach dem Roten Baron geht … Ja, so comichaft wirkt das Bike.
Doch die Technik ist alles andere als Comic: Hinterrad-Nabenmotor mit 8 kW Dauerleistung und 16 kW Peak, am Asphalt gefühlt aus dem Stand präsent; Höchstgeschwindigkeit 125 km/h. Unter einer schlichten Kunststoffabdeckung arbeitet ein fest verbautes 72-V-Li-Ion-Akkusystem mit 11,23 kWh Nennkapazität – für diese Fahrzeugklasse ein ausgesprochen großzügiger Energiespeicher.
Antrieb, Akku & Reichweite
Die Fulgora wird als L3e-A1 ausgelegt. Das bedeutet: A1-Führerschein – in Deutschland auch mit B196-Erweiterung fahrbar. Damit adressiert AJP bewusst Einsteiger, Pendler und Umsteiger aus dem 125er-Bereich.
Bei dem niedrigen Fahrzeuggewicht von rund 140 kg, ist eine eine sehr ausgewogene City- und Umland-Performance zu erwarten. Über verschiedene Fahrmodi lässt sich die Rekuperation beeinflussen, was in der Praxis Reichweite spart und die Bremse entlastet.
Realistisch erscheinen 200–250 km bei ruhiger Gashand im Stadtverkehr; wer zügig oder viel über Land fährt, sollte mit rund 150 km planen. Für ein derart kompaktes und schlankes Motorrad sind das starke Werte.
Trotz der eher urbanen Ausrichtung bleibt die Fulgora alltagstauglich auf längeren Pendelstrecken. Das Onboard-Ladegerät (3 kW AC) füllt den leeren Akku in ca. 3,5 Stunden wieder auf. Pluspunkt: AJP setzt auf eine Typ-2-Buchse – damit kann die bestehende öffentliche AC-Infrastruktur genutzt werden. Das hilft insbesondere Laternenparkern ohne heimische Steckdose: Wer werktags pendelt, hängt die Fulgora einfach alle paar Tage an einen Typ-2-Point und ist versorgt.
Fahrwerk, Bremsen & Ergonomie
AJP bleibt seiner Leichtbau-Signatur treu. Die Fulgora wirkt schmal, aufgeräumt und funktional. Serienmäßig rollt sie auf 17-Zoll-Rädern und ist zweisitzig homologiert. Aus den vorliegenden Herstellerangaben ergeben sich u. a.:
Sitzhöhe: ca. 735 mm – niedrig und damit sehr zugänglich
Radstand: ca. 1.250 mm – handlich in der Stadt
Bodenfreiheit: ca. 190 mm – urban robust
Scheibenbremsen: vorn 300 mm, hinten 220 mm
In Summe passt das Paket zu AJPs Philosophie: direkt, leicht beherrschbar, robust.
Varianten: Scrambler-Look inklusive
Neben der Standard-Fulgora kündigt AJP eine Scrambler-Variante an. Sie sitzt um rund 30 mm höher, wirkt optisch gröber und zielt mit Geometrie und Bereifung stärker auf Kopfsteinpflaster, Feldwege und urbane Abenteuer. Wer gerne Bordsteinkanten wegbügelt und optisch mehr Offroad-Vibes mag, findet hier die charmantere Variante – ohne das Grundlayout zu verlassen.
Gepäck & Nutzwert
Praktisch: AJP hat von Anfang an an den Pendel-Alltag gedacht. Ein Gepäcksystem mit Seitentaschen und Topcaselässt sich an vorgesehenen Aufnahmepunkten des Heckrahmens montieren. Damit steigen Alltagsnutzen und Reichweiten-Souveränität – Laptop, Regenkombi, Wochen-Einkauf: alles unterzubringen, ohne den schmalen Grundcharakter zu opfern. Außerdem kündigt AJP personalisierbare Dekors an – die große, einteilige Verkleidung lädt ohnehin geradezu zum Farbspiel ein.
Technische Daten (vorläufig, Herstellerangaben)
Fahrzeugklasse: L3e-A1
Führerschein: A1 / (DE) B196
Motor: Hinterrad-Nabenmotor
Leistung: 8 kW (Dauer) / 16 kW (Peak)
Höchstgeschwindigkeit: 125 km/h
Batterie: 72-V-Li-Ion, 11,23 kWh, fest verbaut
Laden: Onboard-Lader 3 kW AC, Typ-2-Anschluss, ca. 3,5 h 0–100 %
Gewicht: ca. 140 kg
Räder: 17″ v/h
Bremsen: Scheiben vorn 300 mm, hinten 220 mm
Ergonomie: Sitzhöhe ~735 mm, Radstand ~1.250 mm, Bodenfreiheit ~190 mm
Reichweite (Praxisschätzung): 200–250 km Stadt / ~150 km zügig gemischt
Varianten: Standard & Scrambler (+ ~30 mm)
Homologation, Verfügbarkeit & Ausblick
Derzeit läuft das Homologationsverfahren. AJP peilt an, dieses in der ersten Jahreshälfte 2026 abzuschließen. Preise und finale Ausstattungsumfänge liegen noch nicht offiziell vor. An den Ausstellungsmodellen war kein CBS verbaut, eventuell wird das Fahrzeug also ABS haben. Eine App-Anbindung wird es jedoch vorerst nicht geben, das AJP das Bike so einfach wie möglich halten möchte. Doch klar ist: Mit der Fulgora will AJP kein Nischenexperiment, sondern ein brauchbares Pendler-Motorrad auf die Straße bringen, das den 125er-Sektor elektrisiert.
Die #SteckerBiker meinen:
Das Design ist mutig und unauffällig zugleich. Man erkennt eindeutig ein Elektro-Motorrad – wählt man jedoch eine dezente Farbgebung, tritt dieser Aspekt optisch in den Hintergrund. Übrig bleibt ein leichtes, fast zierliches Bike mit üppig dimensioniertem Akku und sinnvoller Alltagstechnik.
Bemerkenswert: AJP ist kein E-Startup, sondern ein etablierter, kleiner europäischer Hersteller von Verbrennungsmotorrädern, der den Markt für kleine E-Motorräder inzwischen für reif und spannend genug hält, um einen nennenswerten Teil seines überschaubaren Entwicklungsbudgets zu investieren. Konsequent bricht die Fulgora mit dem klassischen „Motor-&-Tank“-Schema: wenige Verkleidungsteile, klare Linien, niedrige Kosten, ein eigenständiger Look – und eine große, farbige Fläche, die Individualisierung geradezu einfordert.
Wir freuen uns, dass AJP diesen Schritt geht – und können es kaum erwarten, die Fulgora auf der Straße zu sehen und, wenn möglich, selbst Probe zu fahren.