E-Zweiräder in Deutschland wachsen deutlich stärker als der Markt
Der Industrieverband Motorrad e.V. (IVM) hat die Zulassungszahlen des Kraftfahrtbundesamt (KBA) aufbereitet und erneut sind diese sehr interessant: Der deutsche Markt für Motorräder und Motorroller ist im ersten Halbjahr 2026 kräftig gewachsen. Noch dynamischer entwickeln sich jedoch die Fahrzeuge mit Elektroantrieb. Sowohl Elektromotorräder als auch Elektroroller legen gegenüber dem Vorjahr um mehr als 80 Prozent zu. Damit steigen ihre Marktanteile sichtbar, auch wenn sie vom Durchbruch in den Massenmarkt weiterhin ein gutes Stück entfernt sind.
Elektrozweiräder wachsen dreimal schneller als der Markt
Insgesamt wurden im ersten Halbjahr 2026 in den ausgewiesenen Marktsegmenten 114.324 motorisierte Zweiräder neu zugelassen. Gegenüber dem Vorjahreszeitraum entspricht das einem bereits beachtlichen Wachstum von 27,7 Prozent.
Die Elektromotorräder übertreffen diese Entwicklung jedoch deutlich. Mit 2.063 Neuzulassungen liegt das Segment 84,2 Prozent über dem Vorjahr. Der Marktanteil steigt dadurch von 1,25 auf 1,80 Prozent. Damit ist inzwischen fast jedes 55. neu zugelassene Motorrad elektrisch unterwegs. Die Zwei-Prozent-Marke rückt erstmals in eine realistische Nähe.
Noch etwas besser sieht es bei den Elektrorollern aus. Ihre Zulassungszahl wächst um 87,6 Prozent auf 3.234 Fahrzeuge. Der Marktanteil steigt von 1,92 auf 2,83 Prozent. Damit fehlt nicht mehr viel zur Drei-Prozent-Marke. Ungefähr jeder 35. neu zugelassene Motorroller fährt inzwischen elektrisch.
Die Elektrozweiräder wachsen damit etwa dreimal so schnell wie der ohnehin deutlich zulegende Gesamtmarkt. Gleichzeitig darf man die Dimensionen nicht aus den Augen verlieren: Selbst nach diesem starken ersten Halbjahr bleiben mehr als 97 Prozent aller neu zugelassenen Motorräder und Roller konventionell angetrieben.
Stark Future beherrscht den Markt der E-Motorräder
Der mit Abstand größte Gewinner ist Stark Future. Der spanisch-schwedische Hersteller kommt im ersten Halbjahr auf 896 Neuzulassungen und erreicht damit einen Marktanteil von knapp 43 Prozent innerhalb der IVM-Kategorie der alternativ angetriebenen Motorräder. Fast jedes zweite Fahrzeug dieses Segments stammt somit von Stark.
Dabei verteilt sich der Erfolg nahezu gleichmäßig auf zwei Modelle. Die VARG EX beziehungsweise die in der Statistik gemeinsam geführte EX/EM kommt auf 464 Zulassungen, die VARG SM auf weitere 432 Fahrzeuge. Bemerkenswert ist nicht nur ihre Spitzenposition innerhalb des Elektromarktes. In der Gesamtstatistik aller Leichtkrafträder belegen die beiden Stark-Modelle die Plätze sieben und zehn. Zusammen stehen sie für 5,6 Prozent des gesamten deutschen Leichtkraftradmarktes.
Damit sind erstmals gleich zwei Elektromotorräder unter den zehn meistverkauften Fahrzeugen der A1-Klasse vertreten. Das ist ein erheblicher Erfolg für einen Hersteller, der im entsprechenden Vorjahreszeitraum in der IVM-Statistik noch keine Zulassung ausweisen konnte. Stark Future dominiert den Markt nicht nur innerhalb der elektrischen Nische, sondern ist inzwischen ein relevanter Anbieter im gesamten 125er-Segment.
NIU setzt sich bei den Elektrorollern klar ab
Bei den Elektrorollern ist die Situation ähnlich eindeutig. Hier heißt der Marktführer NIU. Mit 1.278 Neuzulassungen erreicht die Marke einen Anteil von 39,5 Prozent am Markt der alternativ angetriebenen Roller. Gegenüber den 388 Fahrzeugen des Vorjahres bedeutet das ein Wachstum von 229,4 Prozent.
Den größten Anteil daran hat der NQiX 500 mit 734 Zulassungen. Dahinter folgt der MQi GT mit 362 Fahrzeugen. Allein diese beiden Modelle kommen zusammen auf 1.096 Einheiten und stehen damit für rund ein Drittel des gesamten Elektrorollermarktes. Hinzu kommen 91 Exemplare des FQi 500.
Die drei in der Modellstatistik genannten NIU-Roller machen zusammen rund 93 Prozent aller Zulassungen der Marke aus. Auch im Gesamtmarkt der Leichtkraftroller ist NIU inzwischen sichtbar angekommen. Mit einem Marktanteil von knapp sieben Prozent steht das Unternehmen dort auf Platz vier hinter Vespa, Honda und Piaggio.
Der Elektrorollermarkt wächst also stark, wird aber in erster Linie von einem einzigen Hersteller getragen. Ohne die Entwicklung bei NIU würde die Gesamtbilanz erheblich weniger spektakulär ausfallen.
Zero verliert Motorräder, gewinnt aber mit dem LS1
Bei Zero Motorcycles zeigt die Statistik zwei sehr unterschiedliche Entwicklungen. Das klassische Motorradgeschäft der Marke ist rückläufig. Im ersten Halbjahr wurden 143 Zero-Motorräder neu zugelassen. Ein Jahr zuvor waren es noch 185 Fahrzeuge. Das entspricht einem Minus von 22,7 Prozent.
Noch deutlicher fällt der Verlust beim Marktanteil aus. Dieser sinkt innerhalb der alternativ angetriebenen Motorräder von knapp 16 auf nur noch 6,9 Prozent. Während sich der Gesamtmarkt der elektrischen und alternativen Motorräder beinahe verdoppelt, verkauft Zero weniger Maschinen als im Vorjahr.
Unter den einzelnen Modellen werden die DS mit 32, die S in der 11-kW-Version mit 30 und die FX mit 26 Zulassungen ausgewiesen. Diese drei Fahrzeuge kommen gemeinsam auf 88 Einheiten. Für das gesamte übrige Motorradprogramm von Zero bleiben damit lediglich 55 Zulassungen. Die großen Modelle spielen in Deutschland inzwischen nur noch eine deutlich untergeordnete Rolle.
Ganz anders sieht es beim LS1 aus. Der neue Elektroroller erreicht aus dem Stand 180 Zulassungen und belegt damit Platz drei im elektrischen Rollermarkt. Er steht zugleich für mehr Fahrzeuge als das komplette Zero-Motorradprogramm.
Addiert man Motorräder und LS1, kommt Zero im ersten Halbjahr auf insgesamt 323 Fahrzeuge. Gegenüber den 185 ausgewiesenen Motorrädern des Vorjahres entspricht das markenübergreifend einem Wachstum von fast 75 Prozent. Die Entscheidung, das Angebot um einen Roller zu erweitern und gleichzeitig stärker auf die A1-Klasse zu setzen, erweist sich damit schon jetzt als ausgesprochen sinnvoll.
Die A1-Klasse ist der Schlüssel zum Elektro-Erfolg
Die Modellstatistik zeigt deutlich, welche Leistungsklasse den Markt derzeit trägt. Sämtliche sieben regulär aufgeführten Modelle an der Spitze der alternativen Motorradstatistik sind der A1-Klasse zuzuordnen. Neben den beiden Stark-Modellen sind das die Vmoto beziehungsweise Super-Soco TC Max, die NIU RQi Sport sowie die Zero DS, S und FX.
Zusammen kommen diese sieben Modelle auf 1.180 Zulassungen. Sie stehen damit bereits für rund 57 Prozent des gesamten in dieser Tabelle erfassten Motorradmarktes mit alternativen Antrieben. Da auch unter den nicht einzeln ausgewiesenen Fahrzeugen weitere A1-Modelle vertreten sein dürften, liegt der tatsächliche Anteil vermutlich noch höher.
Eine plausible Erklärung liegt im typischen Einsatzgebiet. Elektrische Leichtkrafträder werden häufig für den Arbeitsweg, den Stadtverkehr und regionale Kurzstrecken genutzt. In diesen Bereichen fallen begrenzte Reichweiten und längere Ladezeiten weniger stark ins Gewicht als bei Reise- oder Tourenmotorrädern.
Hinzu kommt die Charakteristik des Elektroantriebs. Das unmittelbar verfügbare Drehmoment und die teilweise deutlich über der homologierten Dauerleistung liegende kurzzeitige Spitzenleistung sorgen dafür, dass viele elektrische A1-Motorräder kräftiger beschleunigen und souveräner wirken als konventionelle Fahrzeuge derselben Führerscheinklasse.
Auch die anhaltende Beliebtheit der B196-Erweiterung dürfte diesen Markt unterstützen. Sie eröffnet zahlreichen Autofahrern den vergleichsweise einfachen Einstieg in die A1-Klasse, ohne dass ein vollständiger Motorradführerschein erforderlich ist.
Die TC Max feiert ein überraschendes Comeback
Eine der erfreulichsten Überraschungen ist die TC Max von Super Soco beziehungsweise Vmoto. Mit 100 Zulassungen steht sie auf Platz drei der elektrischen Motorradmodelle. Vmoto kommt insgesamt auf 101 Fahrzeuge, sodass praktisch das gesamte deutsche Motorradgeschäft der Marke auf diesen inzwischen schon lange angebotenen Klassiker entfällt.
Die TC Max ist technisch längst nicht mehr das modernste Elektromotorrad am Markt. Sie bietet aber genau das, was viele Käufer offenbar suchen: ein vergleichsweise leichtes, unkompliziertes und bezahlbares Fahrzeug für den täglichen Weg zur Arbeit und für regionale Fahrten.
Dass ausgerechnet dieses Modell wieder so deutlich zulegt, zeigt, dass nicht allein neue Technik, besonders große Akkus oder hohe Spitzenleistungen über den Markterfolg entscheiden. Ein klarer Einsatzzweck und ein erreichbarer Kaufpreis können für viele Kunden wichtiger sein.
LiveWire wächst stark, bleibt aber auf kleinem Niveau
Auf den ersten Blick sehen auch die LiveWire-Zahlen beeindruckend aus. Die Marke steigert ihre Zulassungen von 14 auf 47 Fahrzeuge. Das entspricht einem Wachstum von 235,7 Prozent und ist prozentual einer der stärksten Zuwächse in der gesamten Tabelle.
In absoluten Zahlen relativiert sich das Ergebnis allerdings schnell. LiveWire hat innerhalb von sechs Monaten lediglich 33 Motorräder mehr zugelassen als im Vorjahreszeitraum und erreicht einen Marktanteil von 2,25 Prozent.
Die deutlichen Preissenkungen bei den S2-Modellen und der Abverkauf der LiveWire ONE haben sich in Deutschland somit nur begrenzt niedergeschlagen. Dass die Marke überhaupt deutlich wächst, ist positiv. Von einer relevanten Marktposition kann bei 47 Fahrzeugen jedoch noch keine Rede sein. Es bleibt zu hoffen, dass die Entwicklung in den wichtigeren internationalen Märkten für LiveWire besser aussieht.
Die SteckerBiker meinen:
Es geht weiter aufwärts. Elektromotorräder und Elektroroller wachsen auch in einem insgesamt starken Zweiradmarkt deutlich überdurchschnittlich. Die Marktanteile bewegen sich langsam auf zwei beziehungsweise drei Prozent zu. Das ist noch kein Durchbruch, aber ein klarer und erfreulicher Trend.
Bei genauerem Hinsehen wird das Wachstum allerdings von wenigen Anbietern getragen. Stark Future dominiert die Elektromotorräder beinahe nach Belieben, während NIU den Elektrorollermarkt bestimmt. Ohne diese beiden Hersteller würde die Bilanz wesentlich weniger dynamisch ausfallen.
Zero tut sich bei seinen Motorrädern sichtbar schwer. Umso richtiger erscheint die Entscheidung, mit dem LS1 einen Roller anzubieten und das A1-Segment stärker zu bedienen. Der LS1 gleicht den Rückgang bei den Motorrädern nicht nur aus, sondern sorgt unter dem Strich für ein deutliches Wachstum der Marke.
Auch der Erfolg der TC Max freut uns. Gleichzeitig zeigt er, in welche Richtung sich der Markt bewegt. Neben den leistungsstarken VARG-Modellen von Stark werden vor allem vergleichsweise preiswerte und alltagstaugliche Pendlerfahrzeuge gekauft. Große Elektromotorräder spielen dagegen weiterhin kaum eine Rolle.
Über den wachsenden Erfolg der Elektrozweiräder freuen wir uns. Dass die großen E-Motorräder dabei noch immer außen vor bleiben, finden wir sehr schade. Aber wir geben nicht auf.