Sei der Wind – Mit Hondas WN7 am Comer See
© Marco Ghezzi – Fabrizio Tiriolo | Während wir die schönen Kurven entlangfahren, die vom Comer See hinauf nach Esino Lario führen, begleitet nur vom leisen Rauschen der Luft, die uns wie eine sanfte Berührung umhüllt, denken wir an die Worte von Masatsugu Tanaka, dem „Vater“ der WN7: „Wir haben Hondas erstes elektrisches Fun-Modell auf Basis des Konzepts ‚Be the Wind‘ entwickelt, um ein flüssiges und leises Fahrerlebnis zu schaffen.“
„Der Wind sein“… ist das echte Emotion oder nur ein Werbeslogan?
Um das herauszufinden, lenkten wir den Lenker weit weg von der Stadt und testeten ein Motorrad, das eigentlich für den urbanen Pendelverkehr gedacht ist, in einem völlig anderen Umfeld. Eine Route zwischen See und Bergen, stellenweise durchaus anspruchsvoll, um herauszufinden, wie weit sie wirklich gehen kann. Schließlich wurde die WN7 zwar für einfache und zugängliche Alltagsmobilität entwickelt – wir wollten aber wissen, ob sie auch auf längeren und abwechslungsreicheren Strecken Emotionen vermitteln kann.
Von Abbadia Lariana nach Bellano – entspannt am See entlang
Ab Abbadia Lariana folgt die Straße dem östlichen Ufer des Comer Sees, und die WN7 bringt uns sofort in Einklang mit der Umgebung. Die Handlichkeit und das einfache Fahrverhalten zeigen sich Kurve für Kurve und machen jeden Kilometer angenehm und mühelos. Immer deutlicher wird die Bedeutung dieses „W“, das für Wind steht: Kein mechanisches Geräusch begleitet uns, kein Auspuffdonner – nur ein leises Surren und das Rauschen der Luft. Das Fahrerlebnis wirkt sauberer und entspannter und lässt uns die ruhige Atmosphäre des Sees und der kleinen Orte bis Bellano besonders intensiv genießen.
Dazu kommt eine insgesamt recht komfortable Sitzposition. Zwar ist der Oberkörper etwas nach vorne orientiert, bleibt aber entspannt, ebenso wie die Beine, die für mittelgroße Fahrer angenehm angewinkelt sind – weniger jedoch für Menschen mit langen Beinen. Schade nur, dass die eher harte und recht schmal geformte Sitzbank bereits nach etwa einer Stunde nach einer Pause verlangt.
In Bellano legen wir auch einen technischen Stopp ein, denn die 140 Kilometer Reichweite der WN7 sind nicht allzu üppig. Nach rund 100 Kilometern – unsere Tour begann tatsächlich bereits in Mailand – sollte man langsam eine Ladesäule suchen, auch um den Akku nicht zu stark zu entladen. Die WN7 bietet dabei allerdings den großen Vorteil, auch Gleichstrom-Schnellladung (DC) zu unterstützen. Dadurch profitiert sie nicht nur von kürzeren Ladezeiten, sondern auch von einem deutlich größeren Netz nutzbarer Ladepunkte.
Richtung Passo Agueglio auf der Route 65
Ab Varenna verändert sich die Landschaft deutlich, denn wir verlassen den See und nehmen die Auffahrt zum Passo Agueglio entlang der Route 65 in Angriff – einer Panoramastraße, die ein wenig an die berühmte Route 66 erinnern soll. Die Strecke wird kurviger und enger, eingebettet in eine wilde Naturkulisse.
Der Wald schließt sich dicht um den Asphalt, doch immer wieder öffnen sich spektakuläre Ausblicke auf den See. Genau auf diesem Terrain überrascht uns die WN7 wirklich.
Agil und präzise fällt sie nahezu spielerisch in die Kurven und meistert Kehren sowie schnelle Richtungswechsel mit großer Leichtigkeit. Der Elektromotor mit seiner stets kraftvollen Leistungsentfaltung liefert unmittelbare Reaktionen: 18 kW Dauerleistung, bis zu 50 kW Spitzenleistung und 100 Nm Drehmoment sorgen für souveränen Schub – selbst an den steilen Auffahrten zum Passo Agueglio.
Kurz gesagt: Hier gelten andere Regeln als bei klassischen Motorrädern. Keine Gangwechsel, keine schreienden Kolben – nur flüssiger Vortrieb, unmittelbarer Fahrspaß und dieses charakteristische Surren, das begeistert. Genau hier versteht man, was damit gemeint ist, „den Fahrer eins mit dem Wind werden zu lassen“.
Von der Valsassina zurück nach Lecco
Nach dem Passo Agueglio bietet die lange Abfahrt Richtung Valsassina die perfekte Gelegenheit, die Rekuperation zu testen, die sich in drei Stufen einstellen lässt. Über die Schaltwippen am Lenker kann man die Stufen auch während der Fahrt wechseln, und nach etwas Eingewöhnung gelingt es fast, die gesamte Strecke ohne Nutzung der mechanischen Bremsen zu fahren. Ein angenehmer Vorteil, kombiniert mit zusätzlicher Energierückgewinnung.
Die Valsassina ist bekannt für ihre Eisenverarbeitung und ihre historischen Bergwerke. Einer der interessantesten Stopps ist das Ofenmuseum, das Gelegenheit bietet, die kulturelle Identität der Region kennenzulernen. Die Rückfahrt nach Lecco schließt schließlich einen Rundkurs von etwa 160 Kilometern ab – ein ernstzunehmender Härtetest für ein Motorrad, das deutlich mehr kann, als seine ursprüngliche Bestimmung vermuten lässt.
Obwohl die WN7 primär für die Stadt entwickelt wurde, zeigt sie sich überraschend angenehm auch auf Ausflügen und kurzen Reisen. Sie bietet ein flüssiges, leises und zugleich emotionales Fahrerlebnis.
Allerdings hat das seinen Preis: 15.190 Euro sind für diese Fahrzeugklasse nicht wenig – auch wenn sich ein Teil davon durch die hohe Verarbeitungsqualität, einige technische Lösungen und die noch geringen Stückzahlen der Plattform erklären lässt.
Schnellladen? Fast kein Problem
Ein besonders wichtiger Aspekt auf unserer Tour war das Thema Laden. Dank der Unterstützung des CCS2-Standards aus dem Automobilbereich kann die Honda WN7 auch Gleichstrom-Ladesäulen nutzen, was die Möglichkeiten unterwegs erheblich erweitert. Deshalb wollten wir die Kompatibilität mit den Ladeprotokollen einiger der verbreitetsten Ladeanbieter testen – mit durchweg zuverlässigen Ergebnissen und problemlosen Verbindungen.
Die einzige Ausnahme waren Tesla-Supercharger. Trotz mehrerer Versuche wollten Motorrad und Ladegerät einfach nicht miteinander kommunizieren.
Bei der Ladeleistung zeigte sich folgendes Bild: Mit einem Akkustand von 40 % startete die Ladung mit beeindruckenden 18 kW. Ab etwa 55 % fiel die Leistung jedoch deutlich ab und pendelte sich bis 80 % bei rund 11 kW ein. Danach sank sie auf unter 2 kW – ein normales Verhalten zum Schutz der Batterie. Umgerechnet auf die Reichweite bedeutet das: Mit der WN7 lassen sich per DC-Ladung durchschnittlich etwa drei Kilometer Reichweite pro Minute nachladen.
Dieser Artikel erschien ursprünglich bei unserem Mediapartner THEPACK Italia. Er ist im italienischen Original hier zu finden: https://www.thepack-italia.it/2026/05/18/vai-col-vento/