Der ScrAmper lebt weiter: Von EMGo zu Tornado Power

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Categories Fahrzeuge
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Author Paddy Lectric

Es gibt Motorräder, die man testet und wieder vergisst. Und es gibt Motorräder, deren Geschichte einen nicht mehr loslässt. Der ScrAmper gehört für uns zur zweiten Kategorie.

2022 konnten wir das ungewöhnliche ukrainische Elektromotorrad in Berlin fahren. Wenig später führten wir ein langes Interview mit Ruslan Bedryk, dem damaligen CEO von EMGo Technology und einem der maßgeblichen Köpfe hinter dem Projekt. Russland hatte wenige Monate zuvor seine groß angelegte Invasion der Ukraine begonnen. Trotzdem sprach Ruslan mit uns über Produktion, Weiterentwicklung und seine Pläne für Europa.

Danach wurde es still um den ScrAmper.

Vier Jahre später ist er wieder aufgetaucht. Hinter dem Motorrad steht heute Tornado Power, ein ukrainisches Entwicklungs- und Produktionsunternehmen aus Odessa. Tornado arbeitet an elektrischen Antrieben, Batteriesystemen, Leistungselektronik, Energiespeichern und komplexen elektronischen Systemen und bietet seine Entwicklungsarbeit auch anderen Unternehmen an. Der ScrAmper ist heute nur noch eines von mehreren Projekten.

Tornado Power ist dabei weder ein Käufer des ehemaligen EMGo-Projekts noch einfach ein neuer Name auf einem alten Motorrad. Das Unternehmen beschreibt sich selbst als nächste Etappe derselben technischen Geschichte.

Und der Name Tornado hat eine besondere Bedeutung.

EMGo Scramper
EMGo ScrAmper auf dem Reload Land 2022

2022: Ein Motorrad mitten im Krieg

Als wir den ScrAmper 2022 kennenlernten, war das Projekt bereits mehrere Jahre alt. Ruslan erzählte uns, dass die Zusammenarbeit zwischen den Entwicklungsbereichen von EMGo und GEON 2018 begonnen hatte. GEON brachte vor allem Erfahrung im klassischen Motorradbau ein, EMGo konzentrierte sich auf elektrische Antriebe und Batterietechnik. 2019 zog das Entwicklungsteam von Kiew nach Odessa und baute dort ein neues R&D-Zentrum auf.

Der ScrAmper war schon damals alles andere als ein gewöhnliches Elektromotorrad. Sein auffälligstes Merkmal war die Kombination aus Elektromotor, Kupplung und mechanischem Vierganggetriebe. Genau diese Mischung machte auch unsere kurze Fahrt in Berlin so ungewöhnlich.

Doch die Bedingungen für EMGo hätten kaum schwieriger sein können.

Vor dem Krieg hatte das Unternehmen laut Ruslan bis zu 21 Beschäftigte. Im Juli 2022 waren noch 13 Mitarbeiter an Bord. EMGo verfügte zwar über rund 4.000 Quadratmeter Fläche in Odessa, befand sich aber noch mitten im Aufbau der eigentlichen Produktionsmöglichkeiten.

Trotzdem wollte das Team den ScrAmper bauen.

EMGo Scramper

2022: Ruslan wollte die ersten 100 Motorräder bauen

Eine Crowdfunding-Kampagne für die ersten 100 ScrAmper hatte das erhoffte Ziel deutlich verfehlt. Für Ruslan war das Projekt deshalb aber nicht beendet.

Im Interview erklärte er uns, dass EMGo versuchen werde, die ersten 100 Motorräder auf eigenes Risiko in der Ukraine zu fertigen. Ein zuvor verfolgter Plan, Teile der Produktion nach Polen zu verlagern, war bereits gescheitert. Mitglieder des Teams konnten die Ukraine nicht verlassen. Stattdessen sollte die Montage teilweise in den Westen des Landes verlagert werden, während unter anderem Arbeiten an Batterie und Kabelbaum weiterhin in Odessa stattfinden sollten.

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Die Vorbereitungen waren konkret. Ruslan berichtete, dass bereits mit der Fertigung von Rahmen begonnen worden sei. Spätestens Ende September 2022 sollte die Produktion anlaufen.

Auch Europa spielte weiterhin eine Rolle. Die Homologation sollte vorbereitet werden, ein Motorrad befand sich bereits in Europa. Gespräche mit möglichen Vertriebspartnern gab es unter anderem in Deutschland, Polen, Spanien und Italien.

Es kam anders.

EMGo Team 2022
Das EMGo-Team von 2022 mit Ruslan Bedryk (3. v.l.)

Die Jahre danach: Der ScrAmper bleibt stehen

Tornado Power beschreibt die Entwicklung heute sehr offen. Die russische Invasion habe die geplante Weiterentwicklung des ScrAmper praktisch gestoppt. Über mehrere Jahre blieb das Motorrad ungefähr auf seinem damaligen Entwicklungsstand.

Das Team selbst entwickelte sich dagegen weiter.

Die Ingenieure beschäftigten sich zunehmend mit Batteriesystemen, elektrischen Antrieben, Leistungselektronik, Steuerungen, Sensorik, Telemetrie, Software, Energiespeichern und robotischen Systemen. Aus dem ursprünglichen Umfeld eines Elektromotorradprojekts entwickelte sich ein breiter aufgestelltes Engineering-Unternehmen.

Tornado Power arbeitet heute nicht nur an eigenen Produkten. Das Unternehmen bietet sich auch als externer Entwicklungspartner an und kann Projekte von der Konzeption über die Systemarchitektur und Prototypenentwicklung bis zur Vorbereitung einer Produktion begleiten.

Der ScrAmper wurde damit jahrelang kaum weiterentwickelt. Das Know-how der Menschen dahinter dagegen sehr wohl.

EMGo Scramper

Ruslan Bedryk und der Name Tornado

Ruslan erlebte diese Entwicklung nicht bis zum heutigen Punkt.

Er wurde 2022 zu den ukrainischen Streitkräften mobilisiert. Dort arbeitete er nach Angaben von GEON weiterhin als Entwickler und konstruierte unter anderem technische Systeme für die ukrainischen Streitkräfte.

Im März 2024 gab GEON bekannt, dass Ruslan bei der Verteidigung der Ukraine gefallen war. Er hinterließ seine Frau und zwei Kinder.

Dass das Unternehmen heute Tornado Power heißt, ist unmittelbar mit ihm verbunden: „Tornado“ war Ruslan Bedryks Callsign.

Das heutige Team möchte daraus allerdings ausdrücklich kein Gedenkprojekt machen. Tornado Power beschreibt den Namen vielmehr als Fortsetzung einer technischen Idee und einer Ingenieurskultur, die Ruslan mit aufgebaut hatte.

Eine seiner Überzeugungen sei gewesen, dass Kriege durch Technologie und nicht durch Menschen gewonnen werden sollten.

Auch Ruslans Frau ist nach Angaben des Unternehmens weiterhin Teil dieser Kontinuität.

Tornado Power

2026: Ein neues Team übernimmt die Geschichte

Tornado Power ist nicht einfach EMGo unter einem anderen Namen.

Das Unternehmen erklärt gegenüber dem SteckerBiker, dass Team und Organisation weitgehend neu aufgebaut wurden. Die Mehrheit der heutigen Mitarbeiter sei neu. Gleichzeitig seien mehrere Schlüsselpersonen, die bereits früh an den Technologien des Unternehmens und am ScrAmper beteiligt waren, weiterhin dabei.

Entscheidend sei die technische Kontinuität. Konstruktion, Entwicklungsarbeit, Dokumentation und Erfahrungen aus dem ursprünglichen Projekt seien innerhalb des Teams geblieben.

Der ScrAmper wurde also nicht von einem externen Unternehmen gekauft und anschließend wieder hervorgeholt.

Das Verhältnis zum früheren Partner GEON bezeichnet Tornado Power heute als neutral. GEON sei weder an der aktuellen Entwicklung des Motorrads noch an einer möglichen späteren Produktion beteiligt.

Tornado Scramper

2026: Der ScrAmper wird wieder zum Entwicklungsprojekt

Das vielleicht wichtigste Ergebnis unserer Gespräche mit Tornado Power ist eine klare Abgrenzung: Der ScrAmper ist derzeit noch kein neues Serienmotorrad.

Tornado bringt nicht einfach die Maschine von 2022 auf den Markt. Das Entwicklungsprogramm wird wieder aufgenommen.

Einige Änderungen wurden bereits vorgenommen. Motor und Controller wurden ersetzt, verschiedene Fahrmodi und ein Rückwärtsgang kamen hinzu. Am charakteristischen Vierganggetriebe hält Tornado dagegen fest.

Größere Veränderungen sind für die kommenden Entwicklungsstufen vorgesehen. Dazu gehören insbesondere Batterie, Elektronik und die digitale Integration des Motorrads.

Tornado denkt für 2027 über eine Batterie mit einer Kapazität von ungefähr 20 kWh nach. Das Unternehmen weist allerdings selbst darauf hin, dass es sich dabei um ein Entwicklungsziel und nicht um die bestätigte Spezifikation eines kommenden Serienmodells handelt.

Auch das Thema DC-Schnellladen könnte damit wieder relevant werden. Beim bisherigen, deutlich kleineren Batteriesystem konzentriert sich Tornado zunächst auf AC-Laden. Bei einer wesentlich größeren Batterie soll die Ladearchitektur erneut bewertet werden.

Tornado Scramper

Die 200 Kilometer sind noch keine gemessene Reichweite

Auch bei anderen Angaben unterscheidet Tornado inzwischen deutlich zwischen Zielvorstellung und belastbaren technischen Daten.

Auf der Website werden bis zu 200 Kilometer Reichweite genannt. Gegenüber dem SteckerBiker stellt das Unternehmen jedoch klar, dass dies kein nach WMTC ermittelter Wert ist. Die Angabe basiert auf einer Kalkulation für besonders sparsames Fahren.

Standardisierte aktuelle Reichweitentests stehen noch aus.

Das passt zum derzeitigen Status des gesamten Projekts. Erst wenn die neue technische Konfiguration feststeht, will Tornado belastbare Werte ermitteln.

Tornado Scramper

Noch keine europäische Serienmaschine

Auch für Europa befindet sich Tornado noch am Anfang.

Der ScrAmper besitzt derzeit keine europäische Typgenehmigung. ABS und weitere für eine spätere europäische Version notwendige Anpassungen befinden sich in der Planung. Ein Vertriebs-, Service- und Ersatzteilnetz gibt es ebenfalls noch nicht.

Vor allem kann derzeit kein vollständig definiertes europäisches Serienmotorrad mit verbindlicher Ausstattung und Liefertermin bestellt werden.

Tornado formuliert den aktuellen Stand selbst treffend: Das Unternehmen kehrt zum ScrAmper-Projekt zurück. Es beendet nicht einfach ein bereits fertig entwickeltes Motorrad.

Damit ist auch der auf der aktuellen Website vermittelte Eindruck eines bereits weitgehend fertigen Produkts einzuordnen. Die dort genannten technischen Daten beschreiben eher den gegenwärtigen Entwicklungsstand und die angestrebte Richtung.

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Drei Zeitlinien treffen wieder aufeinander

2022 gab es ein kleines ukrainisches Unternehmen, einen ungewöhnlichen Prototypen und einen Entwickler, der mitten im Krieg entschlossen war, daraus ein Serienmotorrad zu machen.

In den Jahren danach blieb der ScrAmper weitgehend stehen. Die Menschen und das technische Wissen dahinter gingen dagegen andere Wege. Das Unternehmen veränderte sich, neue Kompetenzfelder kamen hinzu, Ruslan wurde Soldat und fiel im Krieg.

2026 treffen diese beiden Geschichten wieder aufeinander.

Ein weitgehend neues Team nimmt ein altes Motorradprojekt wieder auf und bringt gleichzeitig das technische Wissen mit, das in den vergangenen Jahren hinzugekommen ist.

Deshalb wäre es zu einfach, Tornado Power als umbenanntes EMGo zu betrachten. Ebenso falsch wäre es, den heutigen ScrAmper bereits als neues Serienmodell zu behandeln.

Es ist die Fortsetzung eines unterbrochenen Entwicklungsprojekts unter völlig veränderten Bedingungen.

Ruslan Bedryk
Ruslan Bedryk im Steckerbiker-Interview Juli 2022

Die SteckerBiker meinen:

Für uns hat diese Geschichte eine besondere Bedeutung. Der ScrAmper, EMGo und vor allem Ruslan Bedryk sind uns seit unserer Begegnung 2022 nie ganz aus dem Kopf gegangen.

Am Ende unseres damaligen Interviews bedankte sich Ruslan bei den Menschen, die sich trotz des Krieges weiterhin für sein Motorrad interessierten. Für ihn war es wichtig zu sehen, dass Menschen den ScrAmper haben und fahren wollten. Gleichzeitig bedankte er sich bei allen, die die Ukraine unterstützten.

Damals wollte er die ersten 100 Motorräder bauen.

Heute wissen wir, dass es anders kam. Der geplante Produktionsstart wurde durch den Krieg zunichtegemacht. Ruslan wird nicht mehr erleben, wohin sich sein Motorrad entwickelt.

Vier Jahre später arbeitet wieder ein Team am ScrAmper. Es verspricht keine unmittelbar bevorstehende Serienproduktion und räumt offen ein, dass noch viel Entwicklungsarbeit vor ihm liegt.

Gerade diese Offenheit macht das neue Kapitel für uns interessant.

Wir haben den ScrAmper 2022 kennengelernt und Ruslan damals versprochen, dass wir voneinander hören würden. Deshalb möchten wir auch die weitere Entwicklung dieses besonderen ukrainischen Elektromotorrads begleiten.

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