NorthForge Dispatch: Vom Kradmelder zum Drohnentransporter

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Categories Fahrzeuge
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Author Remo Klawitter

Motorräder und Militär – ein Thema, über das wir bei den #SteckerBikern nicht unbedingt gerne schreiben. Trotzdem gehört auch diese Entwicklung zur Elektromobilität. Und die NorthForge Dispatch aus Kanada zeigt eindrucksvoll, warum ausgerechnet das e-Motorrad für moderne Streitkräfte wieder interessant wird.

Denn während der Kradmelder früher Nachrichten von A nach B brachte, soll das Motorrad heute unter anderem Drohnen transportieren.

Northforge Dispach

Vom E-Bike für Jäger zur Militär-Enduro

Hinter der Dispatch steckt kein staatliches Entwicklungsprogramm, sondern eine ziemlich ungewöhnliche kanadische Start-up-Geschichte. Trevor Hayter beschäftigte sich mit seinem Unternehmen eOutdoors ursprünglich mit elektrischen Fahrzeugen für Outdoor-Anwendungen. Das Unternehmen sitzt in Rocky Mountain House in Alberta – dort, wo die kanadischen Rocky Mountains praktisch vor der Haustür liegen.

Angefangen hat die Geschichte unter anderem mit E-Bikes für Jäger im Westen Kanadas. Später half Hayter den kanadischen Streitkräften bei der Beschaffung elektrischer Fahrräder für erste Erprobungen. Aus diesen Erfahrungen und mehreren Jahren Austausch mit militärischen Anwendern entstand schließlich die Idee für NorthForge Mobility und ein Fahrzeug, das die Lücke zwischen dem Soldaten zu Fuß und einem großen Geländefahrzeug schließen soll.

Dass dabei ausgerechnet in Kanada ein extrem geländegängiges Elektromotorrad entsteht, passt durchaus zur Umgebung. Große Entfernungen, dünn besiedelte Regionen, Wälder, Berge und extreme Temperaturen stellen dort ganz andere Anforderungen an Mobilität als der Weg zur nächsten Ladesäule in Berlin. Entwickler Michael Uhlarik verweist selbst auf die kanadische Erfahrung mit Kälte, Nässe und anspruchsvollen Outdoor-Bedingungen. Die Dispatch soll entsprechend von −45 bis +45 Grad Celsius funktionieren – von der Arktis bis zur Wüste, wie NorthForge es formuliert.

Für die eigentliche Motorradentwicklung holte Hayter mit Michael Uhlarik einen alten Hasen der Branche ins Boot. Uhlarik blickt auf 26 Jahre Erfahrung in der Motorrad- und Leichtfahrzeugentwicklung zurück und arbeitete unter anderem für Yamaha, BRP und Piaggio. Heute ist er Mitgründer und für Fahrzeugkonzept und Produktentwicklung der Dispatch verantwortlich.

NorthForge ist dabei weiterhin ein privates Start-up in der Pre-Seed-Phase. Die Dispatch ist also weder ein bereits beschafftes Fahrzeug der kanadischen Streitkräfte noch ein fertiges Serienmotorrad. Die bislang veröffentlichten technischen Angaben sind Design- und Zielwerte, die sich in der Erprobung erst noch bestätigen müssen. 

Northforge Dispach

Leicht mit Wechselakku-System

Trotz des frühen Entwicklungsstadiums nennt NorthForge bereits einige interessante Eckdaten. Als Ziel stehen bis zu 110 km/h Höchstgeschwindigkeit und bis zu 200 Kilometer Reichweite im Raum. Mit allen drei Akkumodulen soll die Dispatch rund 140 Kilogramm wiegen, die Sitzhöhe liegt bei vergleichsweise niedrigen 780 Millimetern. 

Besonders interessant ist das Batteriesystem. Statt eines großen fest eingebauten Akkus besitzt die Dispatch drei einzeln entnehmbare Module. Ein Wechsel soll in weniger als einer Minute möglich sein. Die Module arbeiten unabhängig voneinander und selbst mit nur einem funktionsfähigen Akku soll das Motorrad noch weiterfahren können. 

Beim Gewicht können wir selbst ein wenig rechnen: NorthForge nennt 92 Kilogramm ohne und 140 Kilogramm mit allen drei Akkumodulen. Macht 48 Kilogramm Unterschied. Gleichmäßig auf drei Module verteilt wären das rechnerisch rund 16 Kilogramm pro Akku. Ein offizielles Einzelgewicht nennt NorthForge allerdings bislang nicht. 

Ausgerechnet bei den Daten, auf die wir bei einem Elektromotorrad normalerweise zuerst schauen würden, hält sich NorthForge dagegen bedeckt: Akkukapazität, Systemspannung, Motorleistung, Drehmoment, Ladeleistung und Ladezeit sind bislang nicht veröffentlicht.

Bekannt ist, dass die Akkus von SysNergie aus Québec stammen und für robuste Anwendungen ausgelegt sind. NorthForge will die Module aus unterschiedlichen verfügbaren Energiequellen laden können. Wie genau und mit welcher Leistung, ist bislang offen. 

Northforge Dispach

Große Zuladung und Lastenanhänger

Fast noch erstaunlicher ist die angepeilte Transportkapazität. NorthForge nennt eine Zuladung von bis zu 200 Kilogramm. Dafür besitzt die Dispatch mehrere feste Befestigungspunkte für unterschiedliche Aufbauten und Ausrüstung. 

Das kann vom klassischen Gepäck über Werkzeug und medizinische Ausrüstung bis zu Kommunikations- und Aufklärungstechnik oder zusätzlichen Akkus reichen.

Damit wird die Dispatch mehr als ein Motorrad, das lediglich einen Menschen von A nach B bringt. Sie soll zum kleinen mobilen Lastenträger werden.

Auf Bildern ist die Dispatch mit einem einachsigen Lastenanhänger zu sehen. Wie viel dieser wiegt oder tatsächlich transportieren darf, ist bislang allerdings nicht veröffentlicht. NorthForge nennt als mögliche Anwendung eines Anhängersystems unter anderem den Transport bzw. die Evakuierung Verwundeter. 

Vor allem aber sollen mit der Dispatch Drohnen transportiert, eingesetzt, zurückgeholt und mit Energie versorgt werden können. Genau hier bekommt der elektrische Antrieb noch einen zusätzlichen Nutzen: Der mitgeführte Strom dient nicht ausschließlich dem Fahren, sondern kann grundsätzlich Teil der Energieversorgung weiterer elektrischer Systeme sein. 

Früher brachte der Kradmelder Nachrichten, heute bringt das Motorrad Drohnen.

Northforge Dispach

Warum überhaupt ein e-Motorrad?

Die Idee dahinter ist eigentlich ziemlich simpel. Zwischen einem Soldaten zu Fuß und einem großen Geländefahrzeug klafft eine Lücke.

Schmale Wege, schwieriges Gelände, zerstörte Infrastruktur oder dicht bebaute Gebiete können für größere Fahrzeuge schnell zum Problem werden. Gleichzeitig lassen sich größere Entfernungen und schwere Ausrüstung kaum zu Fuß bewältigen.

Genau da kommt das e-Motorrad ins Spiel: klein, leicht und geländegängig, benötigt wenig Platz und lässt sich vergleichsweise einfach transportieren. Mehrere Maschinen können zudem dezentral eingesetzt werden, statt für jede Aufgabe ein großes Fahrzeug bewegen zu müssen.

Und gerade hier bringt der Elektroantrieb gegenüber einem Verbrenner einige zusätzliche Vorteile mit. Kein Motoren- und Auspufflärm – NorthForge nennt einen Zielwert von unter 50 dB. Auch die thermische Signatur soll gering gehalten werden. Unsichtbar für Wärmebildtechnik ist ein Elektromotorrad natürlich trotzdem nicht: Akku, Motor und Leistungselektronik erzeugen ebenfalls Wärme. Unser Medienpartner THE PACK nennt für das Entwicklungskonzept eine angestrebte thermische Signatur von etwa 5 Grad über der Umgebungstemperatur. 

Northforge Dispach

Hinzu kommt der einfachere mechanische Aufbau: kein Verbrennungsmotor, keine Kupplung, kein Ventiltrieb und keine Abgasanlage. Damit fallen einige klassische Wartungs- und Verschleißpunkte weg. Gleichzeitig steht das Drehmoment eines Elektromotors unmittelbar zur Verfügung – gerade bei langsamer Fahrt im Gelände ein interessanter Vorteil.

Bei der Dispatch wird die einfache Wartung noch konsequenter gedacht. Das Motorrad soll sich mit nur wenigen Werkzeugen weitgehend zerlegen lassen. Auch die Antriebseinheit wurde so konstruiert, dass sie vergleichsweise einfach ausgetauscht werden kann.

Das Chassis besteht aus einem Aluminium-Monocoque. Auffällig ist zudem die Girder-Vorderradführung statt einer klassischen Teleskopgabel. Federwege, Bodenfreiheit sowie Laufrad- und Reifendimensionen hat NorthForge bislang allerdings noch nicht veröffentlicht.

Für Transport und Logistik lässt sich die Maschine ebenfalls kompakt machen: Zerlegt soll die Dispatch auf ungefähr 152 × 91 × 61 Zentimeter schrumpfen.

Es geht also nicht darum, das stärkste oder schnellste Elektromotorrad zu bauen, sondern möglichst viel Nutzen mit möglichst wenig Fahrzeug zu transportieren.

Northforge Dispach

Viele Vorteile – aber nicht ohne Nachteile

Der Elektroantrieb bringt für diesen Einsatzzweck erstaunlich viele Vorteile mit sich. Seine größte Herausforderung bleibt allerdings dieselbe wie bei jedem Elektrofahrzeug: Irgendwann muss die Energie wieder in den Akku.

Einen Kanister Kraftstoff kann man relativ einfach transportieren und innerhalb weniger Minuten in ein Fahrzeug kippen. Wechselakkus machen das Elektromotorrad zwar schnell wieder einsatzbereit, lösen die Energiefrage aber nicht vollständig. Die leeren Packs müssen schließlich wieder geladen werden.

Gerade fernab einer funktionierenden Infrastruktur dürfte deshalb nicht nur die Reichweite des Motorrads entscheidend sein, sondern die komplette Energielogistik dahinter.

Auf der anderen Seite kann genau diese elektrische Energie wieder zum Vorteil werden. Wo Kraftstoff ausschließlich dem Antrieb dient, kann ein Batteriesystem zusätzlich Funktechnik, Sensoren oder Drohnen mit Energie versorgen.

Ob und wie gut diese Rechnung unter realen Bedingungen aufgeht, werden die kommenden Erprobungen zeigen.

Northforge Dispach

Die #SteckerBiker meinen

Technisch ist die NorthForge Dispatch ohne Frage interessant. Drei Wechselakkus, geringes Gewicht, hohe Transportkapazität, einfache Reparierbarkeit und die Kombination aus Motorrad und mobiler Energiequelle zeigen, wie anders ein Elektromotorrad gedacht werden kann, wenn Reichweite und Spitzenleistung einmal nicht die wichtigsten Punkte im Lastenheft sind.

Drohnen, künstliche Intelligenz und autonome Systeme dürften uns in den kommenden Jahren noch häufiger beschäftigen, als uns lieb ist. Dass dabei ausgerechnet das Motorrad wieder eine größere Rolle spielen könnte, hätten wir vor einigen Jahren vermutlich ebenfalls nicht erwartet.

Bei aller Faszination für Technik bleibt deshalb ein ziemlich einfacher Wunsch:

Dass möglichst wenig davon jemals für einen Krieg gebraucht wird. Dass Menschen in Frieden leben, ihr Leben selbst gestalten und ihre Träume verwirklichen können.

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