LiveWire ONE für 14.790 Euro: Angriff auf Honda WN7
Völlig überraschend hat LiveWire den Listenpreis der ONE in Deutschland erneut deutlich gesenkt. Auf der offiziellen deutschen Modellseite steht das Flaggschiff jetzt mit einem Einstiegspreis von 14.790 Euro. Damit liegt die ONE nochmals 5.100 Euro unter dem Preisniveau, das im August 2025 nach der ersten großen Korrektur aufgerufen wurde. Zur Einordnung: Beim Europa-Start 2023 lag der deutsche Preis noch bei 24.990 Euro. Innerhalb von nicht einmal drei Jahren hat LiveWire den offiziellen Einstiegspreis gegenüber des Vorgängers, der Harley Davidson LiveWire, damit um rund 10.200 Euro reduziert.
Das ist mehr als eine gewöhnliche Modellpflege im Preisblatt. Wer die Entwicklung der Marke verfolgt, sieht darin einen klaren Strategiewechsel. LiveWire hatte bereits 2025 mit deutlichen Anreizen gearbeitet, um Nachfrage zu erzeugen. In den jüngsten Geschäftszahlen verweist das Unternehmen selbst darauf, dass 2025 zwar mehr elektrische Motorräder verkauft wurden, der Umsatz im Motorradsegment aber unter anderem wegen erhöhter Incentives zur Nachfragestimulierung sank. Das deutet darauf hin, dass Preis und Marktaktivierung inzwischen ein zentraler Hebel geworden sind.
Plötzlich mitten im direkten Vergleich mit Honda
Spannend wird diese neue Preislage vor allem deshalb, weil Honda mit der WN7 gerade frisches Interesse auf das Segment gelenkt hat. LiveWire hat den Preis für die ONE damit ganze 10 Euro oberhalb des von Honda für die WN7 kommunizierten Preises von 14.780 Euro gesetzt. Das ist eindeutig als Kampfansage zu verstehen: LiveWire sitzt nicht länger im teuren Premium-Eck, sondern positioniert die ONE plötzlich dort, wo Kunden sehr konkret gegen ein neues, stark beachtetes Großserienmodell von Honda rechnen.
Was die LiveWire ONE technisch weiterhin stark macht
Trotzdem sie bereits etwas in die jähre gekommen ist – die HD Livewire kam bereits 2019 an den Markt: Technisch bleibt die LiveWire ONE ein ernstzunehmendes Motorrad. 15,4 kWh Batteriekapazität, 75 kW Spitzenleistung, 114 Nm Drehmoment, 177 km/h Höchstgeschwindigkeit und eine Beschleunigung von 0 auf 100 km/h in 3 Sekunden. Dazu kommt die weiterhin gute Ladeperformance: Die ONE unterstützt DC-Schnellladen und lädt von 0 auf 80 Prozent in 40 Minuten, also im Schnitt mit 18-20 kW. 100 Prozent werden in 60 Minuten erreicht. Als Reichweitenwerte nennt LiveWire 235 Kilometer in der Stadt sowie 153 Kilometer im kombinierten Zyklus, was wir als realistisch erachten. Das Motorrad bringt fahrfertig 255 Kilogramm auf die Waage.
LiveWire liefert nach wie vor ein großes, schnelles und langstreckentauglicheres Gesamtpaket als viele jüngere Mittelklasse-Stromer. Die Kombination aus großem Akku, echter DC-Ladefähigkeit und hoher Ladeleistung ist im Alltag relevanter als manche Design- oder Software-Neuheit. Wer nicht nur urbane Kurzstrecken fährt, sondern ein Elektromotorrad auch für Landstraße, Wochenendausflug oder längeres Pendeln mit Reserve betrachtet, findet hier weiterhin Substanz.
Und was die Honda WN7 dagegenhält
Die Honda WN7 setzt an anderer Stelle an. Die stärkere Version bietet 50 kW Maximalleistung, 129 km/h Höchstgeschwindigkeit, 217 Kilogramm fahrfertiges Gewicht, 9,3 kWh Batteriekapazität sowie 140 Kilometer zertifizierte Reichweite. Geladen wird per Typ 2 oder CCS2, wobei Honda für den Schnellladevorgang von 20 auf 80 Prozent rund 30 Minuten angibt, was gut klingt, aber aufgrund des relativ kleinen Akkus nur etwa 11-12 kW durchschnittliche Ladeleistung bedeutet. Dazu kommen vier Fahrmodi, Rangierfunktion vorwärts und rückwärts, ein 5-Zoll-TFT sowie Honda RoadSync für die Smartphone-Anbindung.
Damit wird auch die Stoßrichtung der beiden Angebote sichtbar. Die Honda wirkt als moderner, kompakter und auf den Alltag zugeschnittener Entwurf. Die LiveWire spielt ihre Trümpfe eher bei Akkugröße, Performance und Ladeleistung aus. Beide beherrschen CCS-Schnellladen, beide können damit für ein großes Elektromotorrad entscheidende Hemmschwellen abbauen. Aber sobald der Blick über den täglichen Arbeitsweg hinausgeht, wird der größere Energiespeicher der ONE zum Argument, ebenso die höhere Spitzenleistung und das insgesamt erwachsenere Leistungsniveau.
Die SteckerBiker meinen:
Diese Preissenkung ist markant und scheint einen Wechsel in LiveWires Marktstrategie darzustellen: Statt passiv neue Kunden zu erwarten, geht LiveWire erneut in die Offensive. Der neue Listenpreis liegt – trotz zusätzlich anfallender Nebenkosten – weiterhin im Bereich beziehungsweise unter dem aufgerufenen Preis der WN7. Ein deutliches Indiz, in welche Richtung diese Offensive geht.
Bleibt die Frage, welches Angebot mehr Motorrad fürs Geld liefert. CCS-Schnellladen beherrschen beide, die Honda ist technisch aktueller, die LiveWire hat aber den deutlich größeren Akku und die stärkere Performance beim Laden wie beim Fahren. In unseren Augen sind genau das die Punkte, auf die es ankommt, sofern man nicht nur zur Arbeit und zurück pendeln möchte. Und deshalb wirkt die LiveWire ONE im direkten Preisvergleich derzeit als das attraktivere Angebot. Honda hat mit der WN7 Bewegung ins Segment gebracht. LiveWire hat umgehend geantwortet. Die Zeiten, in denen Hersteller großer E-Motorräder eher nebeneinander als gegeneinander angetreten sind, dürften damit vorbei sein. Der Markt wird ab sofort härter umkämpft. Für Käufer ist das eine gute Nachricht. Für die Branche könnte es genau die Initialzündung sein, die lange gefehlt hat.