Balistron TS16.12: Elektromotorrad mit Auspuff
Mit Balistron drängt eine noch junge Marke aus der Türkei auf den europäischen Markt. Hinter dem Namen steckt die Balistron Mobilite Teknolojileri A.S. mit Sitz in Istanbul, die wiederum Teil der traditionsreichen Turanlar Group ist. Der Familienkonzern ist seit den fünfziger Jahren in verschiedenen Branchen aktiv und nutzt das neue Label nun, um sich im wachsenden Markt der elektrischen Zweiräder zu positionieren. Balistron versteht sich dabei nicht nur als Motorradhersteller, sondern als Mobilitätsmarke, die mittelfristig auch Quads, Freizeitfahrzeuge und sogar Marine-Antriebe elektrifizieren will. Gefertigt wird aktuell in Kooperation mit Partnern in China, parallel entsteht in Istanbul ein eigener Entwicklungs- und Montage-Standort, der ab 2026 eine stärkere Verankerung in der Türkei ermöglichen soll. Für Europa setzt Balistron auf ein klassisches Distributorennetz mit regionalen Importeuren und zentralem Ersatzteillager in der Nähe von Istanbul, von wo aus die Fahrzeuge per Lkw in die EU verteilt werden.
TS16.12: E-Leichtkraftrad mit großer Geste
Die TS16.12 ist Balistrons sportliches Einstiegsmodell, formal ein E-Leichtkraftrad mit 8 kW Nennleistung und 16 kW Spitzenleistung. Auf dem Papier bewegt sich das Motorrad damit klar im A1-Segment und dürfte für alle spannend sein, die mit dem klassischen 125er-Führerschein oder der deutschen B196-Erweiterung elektrisch unterwegs sein wollen. Optisch inszeniert sich die TS16.12 allerdings deutlich größer, als es die Leistungsklasse vermuten lässt. Eine vollverkleidete Front mit kantigen Linien, Winglet-Anklängen und Einarm-Schwinge am Hinterrad erinnert mehr an große Sporttourer als an typische 125er-Elektrobikes. Unterstützt wird dieser Eindruck durch die üppigen Proportionen, die relativ lange Sitzbank und Details wie das vollfarbige TFT-Display, LED-Beleuchtung rundum und Zubehör wie Heizgriffe, Sitzheizung und Kamerasysteme.
Technisch setzt Balistron auf einen im Hinterrad sitzenden Nabenmotor des Herstellers Yuma. Der Motor soll bis zu 225 Newtonmeter Raddrehmoment liefern, elektronisch auf 130 km/h Spitze limitiert sein und aus einem Lithium-Ionen-Akku mit brutto 11,52 Kilowattstunden gespeist werden. Damit positioniert sich die TS16.12 am oberen Rand dessen, was in dieser Fahrzeugklasse derzeit üblich ist: groß genug, um im Pendelalltag und auf der Landstraße nicht ständig mit Reichweitenangst zu kämpfen, aber noch weit entfernt von den Energiereserven ausgewachsener Tourer. Balistron selbst spricht in seinen Unterlagen von bis zu rund zweihundertdreißig Kilometern Reichweite bei moderaten Durchschnittsgeschwindigkeiten. In der Praxis dürfte es – je nach Fahrprofil – auf deutlich weniger hinauslaufen, aber der theoretische Rahmen zeigt, dass das Bike nicht nur für die letzte Meile gedacht ist, sondern durchaus für weitere Wege.
Zwischen Sporttourer-Design und E-Identität
Beim Design der TS16.12 geht Balistron einen bewusst konventionellen Weg. Auf den ersten Blick könnte das Motorrad ebenso gut eine Verbrenner-Sporttourerin japanischer oder europäischer Herkunft sein. Linienführung, Proportionen und Farbgebung spielen mit bekannten Mustern, und auch das Heck erinnert stark an aktuelle Verbrenner-Modelle. Auffällig sind die beiden voluminösen Elemente unter dem Heck, die wie klassische Endschalldämpfer aussehen, tatsächlich aber keinen Auspuff, sondern Lautsprecher für einen künstlichen Motorsound beherbergen. Damit versucht Balistron, das gewohnte Bild eines sportlichen Verbrenners zu zitieren und gleichzeitig einen Übergang in die elektrische Welt zu bauen. Ob dieser Spagat gelingt, ist eine Geschmacksfrage. Puristische E-Fans dürften die Auspuffattrappen eher kritisch sehen, während Umsteigerinnen und Umsteiger aus der Verbrennerwelt sich mit der vertrauten Form vielleicht leichter tun.
Im Cockpit präsentiert sich die TS16.12 modern und gut ausgestattet. Das TFT-Display zeigt Fahrmodi, Restreichweite und Fahrdaten an, dazu kommen elektronische Helfer wie Traktionskontrolle, ABS, Tempomat, Rückwärtsgang und auf Wunsch sogar Front- und Heckkamera mit laufender Videoaufzeichnung. Optional gibt es eine Art Totwinkelassistent, Sprachsteuerung und ein vernetztes Interface, das per Bluetooth mit dem Smartphone spricht. In Summe positioniert Balistron die TS16.12 damit deutlich höherwertiger als viele klassische 125er und versucht, ein „großes Motorradgefühl“ ins Leichtkraftsegment zu holen.
Laden mit Fragezeichen
So klar die TS16.12 optisch auftritt, so viele Fragezeichen bleiben beim Thema Laden. In den technischen Unterlagen ist einerseits von einem Onboard-Ladegerät mit 30 Amperestunden (sic!) die Rede, das den Akku zwischen dreißig und achtzig Prozent in etwa vier Stunden auffüllen soll. Gleichzeitig bewirbt Balistron eine externe „Fast Wallbox“ mit 80 Amperestunden (sic!) und einer Ladezeit von rund 1,8 Stunden für denselben Ladehub. Nimmt man die 11,5 Kilowattstunden Bruttokapazität als Grundlage, entspricht der Sprung von dreißig auf achtzig Prozent einem Energiebedarf von etwas mehr als der Hälfte der Akkukapazität. Legt man die angegebene Schnellladezeit zugrunde, ergibt sich daraus eine wirksame Ladeleistung von ungefähr 3,5 kW – deutlich entfernt von dem, was die nackte Angabe „80 Ampere“ (ja, wir vermuten mal, das statt „Ah“ eigentlich „A“ gemeint war) auf den ersten Blick vermuten ließe.
Hinzu kommt, dass Balistron nur einen einphasigen Typ-2-Anschluss verbaut. Selbst wenn man also theoretisch höhere Ströme anlegen wollte, setzen europäische Normen dem einphasigen AC-Laden aus dem öffentlichen Netz klare Grenzen. Realistisch erscheint deshalb, dass sich die beworbene 80-Ampere-Angabe nicht auf die Netzseite, sondern auf interne Ströme im Batteriekreis bezieht und die tatsächlich abrufbare AC-Leistung sich im Bereich eines kräftigen, aber keineswegs spektakulären einphasigen Onboard-Laders bewegt. In der Praxis bedeutet das: Die TS16.12 lädt wohl spürbar schneller als viele kleine E-Scooter, bleibt aber klar unter dem, was man sich unter „Schnellladen“ vorstellt. Für den klassischen Pendelbetrieb mit längeren Standzeiten zuhause oder am Arbeitsplatz ist das okay, für wirklich längere Touren eher nicht.
EICMA 2025: großer Auftritt für ein kleines Segment
Auf der EICMA 2025 hatten wir Gelegenheit, uns die Balistron TS16.12 und ihre Schwestermodelle aus der Nähe anzusehen. Im dichten Messetrubel fällt die Sportlerin sofort ins Auge, weil sie auf den ersten Blick wie ein großes, tourentaugliches E-Motorrad wirkt. Sitzposition, Verkleidung, Radstand – all das vermittelt mehr „Langstrecke“ als „Stadtflitzer“. Gleichzeitig versucht Balistron aber sichtbar, die TS16.12 so wirken zu lassen, als wäre sie „ein ganz normales Motorrad“ im besten Sinne: sehr konservatives Sporttourer-Design, vertraute Silhouette, reichlich Lack- und Metallicflächen. Die erwähnten Auspuffattrappen am Heck treiben dieses Konzept auf die Spitze und sollen gemeinsam mit dem künstlich erzeugten Motorsound eine Brücke zur Verbrennerwelt schlagen.
Die Reaktionen auf diesen künstlichen Sound waren auf der Messe spürbar gespalten. Zugegeben, es ist witzig, dass ein E-Motorrad sich auf Knopfdruck nach sportlichem Verbrenner anhören kann. Im Vergleich zu spezialisierten Soundlösungen, wie zum Beispiel bei Metorbike, wirkten die Lautsprecher der Balistron akustisch noch recht dünn und deutlich künstlich. Der erzeugte Klangklang erinnerte eher an ein Computerspiel als an einen volltönenden Auspuff. Wenn der Sound nicht gut gemacht, ist, läuft er schnell Gefahr, etwas lächerlich zu wirken.
Und die Tourentauglichkeit? Die TS16.12 trägt ihren Anspruch optisch sehr offensiv vor sich her, aber ob sie diesem Anspruch wirklich gerecht wird, muss die Praxis zeigen. Ein brutto 11,5 Kilowattstunden großer Akku liegt eher am unteren Ende dessen, was man sich für ein echtes Tourenmotorrad wünschen würde, und die bereits angesprochene begrenzte Ladeleistung macht dem Wunsch nach zügigem Weiterkommen zusätzlich einen Strich durch die Rechnung. Wer lange Etappen mit kurzen Stopps plant, wird mit dieser Kombination voraussichtlich schnell an Grenzen stoßen, während im Pendelalltag mit definierten Standzeiten vieles weniger kritisch wirkt.
Die SteckerBiker meinen:
Balistron bringt mit der TS16.12 ein spannendes neues Gesicht ins A1-Segment und zeigt, dass auch außerhalb der bekannten E-Marken ernstzunehmende Elektromotorräder entstehen können. Die sportlich-touristische Optik, die gute Grundausstattung und der vergleichsweise große Akku lassen das Motorrad zunächst wie einen kleinen Langstreckenbrenner erscheinen. Schaut man genauer hin, bleibt am Ende aber vor allem ein kräftig ausgestattetes elektrisches Pendlerbike übrig, das optisch gern mehr verspricht, als die technischen Eckdaten im Touring-Einsatz voraussichtlich halten können. Die konservative Anmutung und die Auspuffattrappen samt künstlichem Sound sollen Umsteigerinnen und Umsteiger aus der Verbrennerwelt ansprechen, ob das klappt, ist fraglich. Hardcore-E-Fans werden sie aber eher skeptisch zurücklassen. Trotzdem ist es positiv, dass mit Balistron eine weitere Marke ernst nimmt, dass elektrische Leichtkrafträder mehr sein können als nüchterne Nutzfahrzeuge. Wir sind gespannt, zu welchem Preis Balistron die TS16.12 in Europa tatsächlich anbieten wird und ob erste Praxistests zeigen, dass sie im Alltag mehr kann als nur den Arbeitsweg souverän abzuspulen.
Und das hat unser Medienpartner THEPACK.news bisher über Balistron berichtet: https://thepack.news/tag/balistron/
1 Kommentar
Auf jeden Fall ein sehr interessantes Motorrad.
Ich hoffe nur das man das Bike auch ohne den Fake-Auspuff bekommt. Denn ganz ehrlich gesagt kauf ich ein Elektro-Motorrad doch irgendwo auch weil es eben keinen Sound von sich gibt.