Avore EX2S für 1.800 Dollar: Indien gibt Vollgas bei E-Motorrädern!
10,5 kW Leistung, 114 km/h Spitze und bis zu 260 Kilometer Reichweite – für umgerechnet rund 1.800 US-Dollar. Mit der neuen EX2S zeigt das indische Startup Avore ein Elektromotorrad, bei dessen Preis wir in Europa zweimal hinschauen müssen. Doch die eigentliche Frage lautet: Warum kommen gerade aus Indien immer mehr interessante elektrische Zweiräder?
Wer steckt hinter Avore?
Avore ist ein 2023 gegründetes Unternehmen aus dem indischen Bundesstaat Gujarat. Gegründet wurde es von Priyank Rakholiya, Mayank Rakholiya und Mihir Tagadiya. Nach eigenen Angaben dauerte die Entwicklung rund drei Jahre, mehr als 100 Ingenieure waren daran beteiligt und neun Systeme wurden vollständig im eigenen Haus entwickelt.
Das Ziel war nicht einfach, einen bestehenden Verbrenner zu elektrifizieren. Avore wollte ein Motorrad entwickeln, bei dem Elektronik und Software von Beginn an Teil der Plattform sind. Die jetzt vorgestellte EX-Baureihe ist das Debüt der Marke – und besteht gleich aus drei Modellen.
Warum aber ausgerechnet Indien?
Ein Blick auf den indischen Markt liefert einen Teil der Antwort. Motorräder und Roller sind dort keine Nische: Im Geschäftsjahr 2025/26 wurden in Indien mehr als 21,7 Millionen Zweiräder verkauft. Zum Vergleich: Bei Pkw waren es im gleichen Zeitraum rund 4,6 Millionen.
Dabei hat das Zweirad in Indien einen anderen Stellenwert als bei uns. Während Motorradfahren in Europa häufig auch Freizeit, Wochenendausfahrt oder Urlaub bedeutet, ist das Zweirad in Indien für Millionen Menschen vor allem bezahlbare Alltagsmobilität – für den Weg zur Arbeit, zum Einkaufen oder für die tägliche Fortbewegung.
Und auch die vermeintlich günstigen 1.800 US-Dollar der EX2S muss man einordnen. Ein angestellter Arbeiter im verarbeitenden Gewerbe verdient in Indien durchschnittlich rund 18.700 Rupien im Monat. Der Kaufpreis der EX2S von rund 170.000 Rupien entspricht damit etwa neun Monatsgehältern. Zum Vergleich: Neun deutsche Median-Monatsgehälter entsprächen fast 38.000 Euro. Die Rechnung ist kein direkter Kaufkraftvergleich, zeigt aber eindrucksvoll, welchen Wert ein 1.800-Dollar-Motorrad in Indien tatsächlich hat.
Hinzu kommt die Luftverschmutzung in den großen Städten. Die indische Regierung nennt steigende Schadstoffbelastungen ausdrücklich als einen Grund, die Elektromobilität voranzutreiben.
Und der Staat hilft kräftig nach. Das Förderprogramm PM E-DRIVE hat ein Gesamtvolumen von fast einer Milliarde Euro. Allein für elektrische Zweiräder wurden umgerechnet rund 160 Millionen Euro vorgesehen. Bis zum 22. Juli 2026 wurden über das Programm bereits mehr als 2,05 Millionen elektrische Zweiräder gefördert.
Dabei geht es nicht nur um Kaufprämien. Über das Production Linked Incentive Programme (PLI) unterstützt Indien auch Hersteller moderner Fahrzeugtechnik. Gleichzeitig soll die lokale Fertigung von Komponenten gestärkt werden. Indien fördert also nicht nur den Absatz, sondern versucht gleichzeitig, eine eigene Elektrofahrzeugindustrie aufzubauen.
Riesiger Zweiradmarkt, bezahlbare Alltagsmobilität, Luftverschmutzung, staatliche Förderung und heimische Produktion – der Nährboden für neue Elektromotorräder könnte kaum besser sein.
Drei Modelle – EX2S an der Spitze
Avore startet nicht mit einem einzelnen Motorrad, sondern gleich mit EX1, EX2 und EX2S. Optisch basieren alle drei auf demselben Grundkonzept, technisch unterscheiden sie sich vor allem bei Akku, Fahrleistungen und Ausstattung.
Den Einstieg bildet die EX1 mit 3,24-kWh-Akku, 100 km/h Höchstgeschwindigkeit und einer angegebenen IDC-Reichweite von 160 Kilometern. Die EX2 bekommt den größeren 5-kWh-Akku und soll damit 255 Kilometer schaffen, bleibt aber ebenfalls bei 100 km/h.
Das Topmodell EX2S kombiniert den 5-kWh-Akku mit einem 10,5 kW (14 PS) starken PMSM-Elektromotor. Die Höchstgeschwindigkeit steigt auf 114 km/h, von 0 auf 40 km/h soll es in 2,8 Sekunden gehen.
Zur Ausstattung gehören verschiedene Fahr- und Leistungsstufen sowie ein 7-Zoll-Cockpit mit Navigation und Konnektivität. Dazu kommen unter anderem Reifendruckkontrolle, Fahrzeugdiagnose, Live-Ortung und Diebstahlwarnungen. Die Sitzhöhe beträgt 790 Millimeter, die Bodenfreiheit 180 Millimeter. Avore nennt zudem 250 Nm Drehmoment am Hinterrad.
Der Onboard-Lader steckt bereits im Motorrad, sodass zum Laden eine normale Steckdose genügt. Von 20 auf 80 Prozent sollen rund zwei Stunden vergehen.
Eine Europa-Version der EX2S ist bislang nicht angekündigt. Einen direkten Vergleich mit europäischen Verkaufspreisen sollte man ohnehin nicht ziehen: Homologation, Transport, Steuern, Vertrieb, Garantie und Servicenetz würden bei einem möglichen Export hinzukommen. Bei jährlich mehr als 20 Millionen verkauften Zweirädern dürfte Avore auf dem heimischen Markt allerdings auch erst einmal genug zu tun haben.
260 Kilometer – wirklich realistisch?
Bei der Reichweite lohnt sich ein genauer Blick. Avore verspricht für die EX2S bis zu 260 Kilometer nach IDC. Rein rechnerisch entspräche das einem Verbrauch von nur rund 19 Wh/km. Zum Vergleich: Ein sparsamer 45-km/h-Elektroroller liegt in der Praxis eher bei rund 40 Wh/km, bei schnelleren Elektromotorrädern sind im gemischten Betrieb etwa 50 bis 70 Wh/km keine ungewöhnliche Größenordnung. Die 19 Wh/km erscheinen damit ausgesprochen ambitioniert.
Das sollte man keinesfalls mit 260 Kilometern realistischer Landstraßen- oder Autobahnreichweite verwechseln. Auch Avore bezeichnet die 260 Kilometer als Reichweite unter idealen Bedingungen und weist darauf hin, dass Fahrmodus, Geschwindigkeit, Fahrergewicht, Gelände, Wetter und Verkehr die tatsächliche Reichweite beeinflussen. Wie weit die EX2S im Alltag tatsächlich kommt, muss deshalb erst ein unabhängiger Test zeigen.
Die #SteckerBiker meinen
Die 260 Kilometer Reichweite aus nur 5 kWh sehen wir weiterhin mit einem Fragezeichen. Gleichzeitig wäre es unfair, die EX2S ausschließlich mit deutschen Maßstäben zu bewerten. Indische Straßen, Durchschnittsgeschwindigkeiten und Einsatzbedingungen unterscheiden sich deutlich von unseren. Wer sein Motorrad hauptsächlich als alltägliches Verkehrsmittel nutzt und nicht mit Autobahntempo auf Reisen geht, kann mit einem 5-kWh-Akku durchaus gut bedient sein.
Und genau darin liegt vielleicht eine der Stärken der EX2S: Avore versucht nicht, ein europäisches Elektromotorrad möglichst billig nachzubauen, sondern entwickelt für einen riesigen heimischen Zweiradmarkt mit anderen Anforderungen. Dazu gibt es über 100 km/h Spitze und ein vernetztes 7-Zoll-Cockpit zu einem Preis, der aus europäischer Perspektive erst einmal unglaublich niedrig erscheint – für viele Menschen in Indien aber dennoch eine erhebliche Investition darstellt.
Noch spannender ist das Umfeld, in dem solche Motorräder entstehen. Ein gigantischer Zweiradmarkt trifft auf staatliche Förderung, lokale Entwicklung und das politische Ziel, die Mobilität sauberer zu machen. Avore ist damit nicht nur eine weitere neue Marke, sondern ein Beispiel für eine Entwicklung, die wir in Europa im Auge behalten sollten.
Wir müssen bei neuen Elektromotorrädern künftig nicht nur nach China schauen. Indien hat die Hand fest am Gasgriff – mit Vollgas!