LiveWire in der Krise: Steht Harleys Elektrosparte vor dem Aus?
Die Lage bei LiveWire spitzt sich dramatisch zu. Nur wenige Tage vor der EICMA in Mailand steht die Elektromotorrad-Tochter von Harley-Davidson vor einer ungewissen Zukunft. Nachdem das Wall Street Journal bereits am 27. Oktober über den Rücktritt des Geschäftsführers und die Einsetzung eines Restrukturierungsexperten berichtet hatte, liefern die heute veröffentlichten Quartalszahlen weiteren Grund zur Sorge. Erstmals räumt LiveWire selbst ein, dass erhebliche Zweifel an der Fortführung des Unternehmens bestehen. Dabei entwickeln sich die Verkaufszahlen durchaus positiv. Wie passt das zusammen?
Vom Hoffnungsträger zum Sanierungsfall
Als Harley-Davidson 2014 das Project LiveWire vorstellte, war die Überraschung groß. Ausgerechnet der amerikanische Traditionshersteller, dessen Motorräder wie kaum andere für den charakteristischen Klang großvolumiger Verbrennungsmotoren stehen, wollte elektrisch werden. 2019 kam die erste LiveWire auf den Markt, 2022 wurde das Elektrogeschäft als eigenständiges Unternehmen an die Börse gebracht.
Die Erwartungen waren gewaltig. Bei seiner ersten Investorenveranstaltung prognostizierte LiveWire, im Jahr 2026 mehr als 100.000 Elektromotorräder verkaufen zu können.
Davon ist heute nicht mehr viel übrig.
Am 27. Oktober veröffentlichte das renommierte amerikanische Wall Street Journal einen Artikel von John Keilman unter der Überschrift „Harley-Davidson Wanted an Electric Revolution. That Dream Is in Trouble.“ Darin zeichnet die Zeitung den Niedergang des einst gefeierten Hoffnungsträgers nach. Seit der Ausgliederung summierten sich die Verluste auf mehr als 300 Millionen Dollar.
Besonders bemerkenswert: Die vom WSJ befragten LiveWire-Besitzer äußern sich überwiegend positiv über ihre Motorräder. Ein Fahrer aus Colorado sieht das Problem weniger bei den Produkten als bei deren Vermarktung.
Geschäftsführer geht, Restrukturierungsexperte übernimmt
Kurz vor der Veröffentlichung des WSJ-Artikels war bekannt geworden, dass LiveWire-Geschäftsführer Karim Donnez seinen Posten zum 21. Oktober niedergelegt hatte.
An seine Stelle trat kein gewöhnlicher Nachfolger. Stattdessen wurde Roy Gallagher von der Unternehmensberatung Ankura zum Chief Restructuring Officer ernannt. Ein eigens eingesetztes Komitee soll die strategischen Möglichkeiten des Unternehmens prüfen.
Dazu gehören neue Finanzierungen, der Einstieg von Investoren, Unternehmensverkäufe oder eine grundlegende Neuordnung der Geschäftsstruktur.
Das allein wäre bereits ein deutliches Warnsignal gewesen. Die am 29. Oktober veröffentlichten Geschäftszahlen zeigen nun, wie ernst die Situation tatsächlich ist.
Mehr Motorräder verkauft, trotzdem Millionenverluste
Im dritten Quartal 2026 verkaufte LiveWire weltweit 241 Elektromotorräder. Das sind immerhin 31 Prozent mehr als im entsprechenden Vorjahresquartal.
Der Umsatz der Motorradsparte stieg sogar um 178 Prozent auf 2,7 Millionen Dollar. Allerdings war der Vorjahresumsatz durch erhebliche Verkaufsrabatte besonders niedrig ausgefallen.
Der operative Verlust der Motorradsparte verringerte sich leicht von 18,4 auf 17 Millionen Dollar.
Auch im Gesamtunternehmen zeigt sich eine Verbesserung. Der Konzernumsatz einschließlich der elektrischen Kinderfahrzeuge von STACYC stieg um 38 Prozent auf 7,9 Millionen Dollar. Gleichzeitig sank der operative Verlust von 18,8 auf 17,5 Millionen Dollar.
Das klingt zunächst nach einer positiven Entwicklung.
Doch die absoluten Zahlen sind ernüchternd. In den ersten neun Monaten 2026 verkaufte LiveWire lediglich 599 Elektromotorräder. Zwar sind das mehr als doppelt so viele wie im Vorjahreszeitraum, doch für ein Unternehmen mit derart hohen Entwicklungs- und Verwaltungskosten reicht das bei Weitem nicht aus.
Besonders aufschlussreich ist der Blick auf STACYC: Die Marke verkaufte im dritten Quartal knapp 7.000 elektrische Kinder-Laufräder und Fahrräder und erzielte damit 5,2 Millionen Dollar Umsatz. Der operative Verlust betrug lediglich 600.000 Dollar.
Fast der gesamte operative Konzernverlust entfällt somit auf das eigentliche Motorradgeschäft.
LiveWire zweifelt selbst an seiner Zukunft
Die wichtigste Nachricht versteckt sich allerdings nicht in den Verkaufszahlen, sondern im Abschnitt zur Liquidität.
Dort erklärt LiveWire erstmals ausdrücklich, dass erhebliche Zweifel bestehen, ob das Unternehmen seinen Geschäftsbetrieb innerhalb der kommenden zwölf Monate fortführen kann.
In der Finanzwelt wird eine solche Erklärung als Going-Concern-Warnung bezeichnet.
Hintergrund sind die anhaltenden Verluste, der negative Cashflow und die begrenzten finanziellen Mittel.
Ende September verfügte LiveWire noch über knapp 40 Millionen Dollar liquide Mittel. Zum Jahreswechsel waren es 82,8 Millionen Dollar gewesen.
Allein in den ersten neun Monaten 2026 flossen 38,3 Millionen Dollar aus dem laufenden Geschäftsbetrieb ab. Einschließlich Investitionen lag der negative Free Cashflow bei 40,5 Millionen Dollar.
Zwar konnte LiveWire den Mittelabfluss gegenüber dem Vorjahr um 16 Prozent reduzieren. Doch bei unveränderter Entwicklung würde die vorhandene Liquidität rechnerisch nicht einmal für ein weiteres Jahr ausreichen.
Zusätzlich belastet ein Darlehen von Harley-Davidson über ursprünglich 75 Millionen Dollar die Bilanz. Dieses wird im Dezember 2027 fällig.
LiveWire hat deshalb auch seine bisherige Jahresprognose zurückgezogen. Zuletzt hatte das Unternehmen für 2026 noch einen operativen Verlust zwischen 70 und 80 Millionen Dollar erwartet.
Wichtig ist die Unterscheidung: LiveWire hat keine Insolvenz angemeldet. Das Unternehmen erklärt aber inzwischen selbst, dass seine weitere Existenz ohne erfolgreiche Gegenmaßnahmen gefährdet ist.
Harley-Davidson steht vor einer Grundsatzentscheidung
Besonders interessant ist die Rolle des Mutterkonzerns, denn Harley-Davidson hält weiterhin knapp 90 Prozent der LiveWire-Aktien und ist zugleich wichtiger Kreditgeber.
Während LiveWire ums Überleben kämpft, entwickelt sich das traditionelle Motorradgeschäft des Mutterkonzerns vergleichsweise positiv. Im dritten Quartal stiegen die weltweiten Verkäufe an Endkunden um fünf Prozent, in Nordamerika sogar um neun Prozent.
Harley-Davidson hat deshalb seine Jahresprognose für das klassische Motorradgeschäft angehoben. Für LiveWire wurde dagegen keine neue Finanzierungszusage bekannt gegeben.
Wie viel ist Harley-Davidson seine elektrische Zukunft noch wert? Der Konzern hat bereits erhebliche Summen in LiveWire investiert. Weitere Verluste könnten allerdings auch die wirtschaftlichen Interessen der eigenen Aktionäre beeinträchtigen.
Denkbar wäre deshalb eine vollständige Reintegration von LiveWire, der Verkauf einzelner Geschäftsbereiche oder eine deutliche Verkleinerung des Unternehmens. Welche Lösung tatsächlich verfolgt wird, ist bislang offen.
Was wird aus Del Mar, Alpinista und Co.?
Für uns SteckerBiker ist vor allem interessant, was die Entwicklung für die Fahrzeuge bedeutet.
Mit der S2 Del Mar, Mulholland und Alpinista hat LiveWire technisch überzeugende Motorräder entwickelt. Ihr vergleichsweise hoher Preis, die begrenzte Reichweite und insbesondere das fehlende DC-Schnellladen schränken allerdings ihre Vielseitigkeit ein.
Inzwischen versucht LiveWire, mit kleineren und günstigeren Fahrzeugen neue Käufergruppen zu erreichen. Die S4 Honcho Trail wird seit August in den USA ausgeliefert. Die Straßenversion erreichte im Oktober die amerikanischen Händler. Auch für Europa sind die ersten Auslieferungen vorgesehen.
Hinzu kommt die Übernahme des Offroadherstellers Dust Moto. Diese Neuausrichtung erscheint durchaus sinnvoll. Gerade im leichten Offroadsegment haben elektrische Antriebe erhebliche Vorteile. Der Erfolg von Stark Future zeigt, dass sich dort auch wirtschaftlich interessante Stückzahlen erreichen lassen.
Doch LiveWire läuft die Zeit davon. Ob die bisherigen großen Straßenmotorräder langfristig Teil der Strategie bleiben, ist derzeit ungewiss. Eine Einstellung wurde nicht angekündigt, eine Bestandsgarantie gibt es allerdings ebenfalls nicht.
Für bestehende Kunden stellen sich deshalb zunehmend Fragen zur Ersatzteilversorgung, Softwareunterstützung und langfristigen Betreuung ihrer Motorräder.
Die SteckerBiker meinen:
LiveWire hat kein grundsätzliches Technologieproblem. Die Motorräder überzeugen mit Fahrleistungen, Verarbeitung und eigenständigem Charakter. Das Problem ist vielmehr ein Geschäftsmodell, das auf einem Markt basiert, dessen Größe offenbar dramatisch überschätzt wurde.
Dass LiveWire trotz steigender Verkaufszahlen inzwischen um seine Existenz kämpfen muss, zeigt die Dimension dieser Fehleinschätzung.
Dabei wäre es falsch, daraus ein grundsätzliches Scheitern elektrischer Motorräder abzuleiten. Hersteller wie Stark Future beweisen, dass es durchaus funktionieren kann, wenn Produkt, Zielgruppe und Kostenstruktur zusammenpassen.
LiveWire wollte dagegen frühzeitig eine globale Premiummarke etablieren, bevor eine entsprechende Nachfrage vorhanden war.
Die aktuelle Krise erinnert damit durchaus an Energica. Auch dort reichten technisch hervorragende Motorräder nicht aus, um dauerhaft wirtschaftlich erfolgreich zu sein.
Ob Harley-Davidson seine elektrische Tochter retten wird, bleibt abzuwarten.
Für uns steht jedenfalls fest: Das mögliche Scheitern von LiveWire wäre ein erheblicher Rückschlag für die Elektromotorradbranche. Nicht, weil die Motorräder schlecht wären, sondern weil erneut ein Hersteller an der wirtschaftlichen Realität eines noch viel zu kleinen Marktes zu scheitern droht.
Kurz vor der EICMA dürfte die Zukunft von LiveWire deshalb zu den meistdiskutierten Themen der Branche gehören.