Mehr Platz für Motorräder: ACEM fordert Umdenken in Europa
Wenn über die Mobilität der Zukunft diskutiert wird, stehen meist Fahrräder, Busse, Bahnen oder Elektroautos im Mittelpunkt. Motorräder, Roller und leichte Stadtfahrzeuge spielen dagegen kaum eine Rolle.
Dabei sprechen einige Fakten durchaus für diese Fahrzeugklasse. Sie benötigen deutlich weniger Verkehrs- und Parkfläche als Pkw, kommen mit weniger Materialeinsatz bei der Herstellung aus und benötigen aufgrund ihres geringeren Gewichts meist deutlich weniger Energie im Betrieb. Gerade in dicht besiedelten Städten könnten sie deshalb eine interessante Rolle zwischen Fahrrad, ÖPNV und Auto spielen.
Genau diese Fahrzeuge möchte die Association des Constructeurs Européens de Motocycles (ACEM) künftig stärker in Verkehrs- und Mobilitätskonzepten berücksichtigt sehen.
Doch geht es dabei um eine effizientere Mobilität – oder um die Interessen einer Industrie, die ihrer Fahrzeugklasse mehr politischen Raum verschaffen möchte?
Wer ist ACEM?
Die Association des Constructeurs Européens de Motocycles (ACEM) wurde 1994 in Brüssel gegründet und vertritt die Interessen der europäischen Motorradindustrie gegenüber der Europäischen Union und nationalen Regierungen.
Zu den Mitgliedern zählen unter anderem BMW Motorrad, Ducati, Harley-Davidson, Honda, Kawasaki, KTM, Piaggio, Suzuki, Triumph und Yamaha.
Finanziert wird ACEM über die Beiträge seiner Mitgliedsunternehmen und Branchenverbände. Der Verband beschäftigt sich mit Zulassungsvorschriften, Sicherheitsanforderungen, Umweltstandards, Emissionsregelungen und Fragen der Mobilität.
Anders als Umweltverbände oder Nutzerorganisationen vertritt ACEM nicht die Interessen einzelner Fahrer, sondern die wirtschaftlichen Interessen einer Branche.
ACEM beschäftigt sich allerdings nicht nur mit klassischen Motorrädern und Rollern. Bereits 2020 veröffentlichte der Verband ein eigenes Positionspapier zur Elektromobilität. Darin geht es unter anderem um elektrische Motorräder, E-Roller, Ladeinfrastruktur sowie standardisierte Batteriesysteme für Fahrzeuge der L-Kategorie.
Noch einen Schritt weiter gingen mehrere ACEM-Mitglieder im Jahr 2021 mit der Gründung des Swappable Batteries Motorcycle Consortium (SBMC). Zu den Gründungsmitgliedern gehören unter anderem Honda, KTM, Piaggio und Yamaha.
Ziel des Konsortiums ist die Entwicklung einheitlicher Standards für Wechselbatterien in elektrischen Zwei- und Dreirädern. Die beteiligten Unternehmen sehen Elektromobilität ausdrücklich als wichtigen Baustein der zukünftigen Personen- und Gütermobilität.
Der Ansatz könnte weitreichende Vorteile bieten. Einheitliche Batteriesysteme vereinfachen den Fahrzeugwechsel, schaffen größere Produktionsvolumina und senken langfristig die Kosten. Gleichzeitig würden Batterien nicht mehr ausschließlich für einzelne Modelle entwickelt, sondern könnten in unterschiedlichen Fahrzeugen und Anwendungsbereichen genutzt werden.
Damit verfolgt das SBMC einen Ansatz, der in vielen Bereichen der Elektromobilität bislang fehlt: weniger Insellösungen, mehr gemeinsame Standards.
Was sind L-Klassen-Fahrzeuge?
Im Mittelpunkt der Forderung stehen Fahrzeuge der europäischen Kategorie L. Dazu gehören nahezu alle motorisierten Zwei-, Drei- und Leichtvierräder – unabhängig von ihrer Antriebsart.
Die Kategorie reicht damit vom Moped über das Motorrad bis zum Leichtfahrzeug.
Klasse | Beschreibung | Geschwindigkeit | Gewicht |
L1e | Mopeds und leichte Zweiräder | bis 45 km/h | meist unter 100 kg |
L3e | Motorräder | über 45 km/h | meist 120–350 kg |
L5e | Dreirädrige Kraftfahrzeuge | über 45 km/h | meist 200–500 kg |
L6e | Leichtfahrzeuge | bis 45 km/h | max. 425 kg (ohne Batterie) |
L7e | Schwere Leichtfahrzeuge | meist bis etwa 90 km/h | max. 450 bzw. 600 kg (ohne Batterie) |
L-Klassen-Fahrzeuge bewegen sich zwischen Fahrrad und Auto – ein Bereich, der in vielen Mobilitätskonzepten bislang erstaunlich wenig Beachtung findet.
Daraus ergeben sich einige grundlegende Vorteile:
- weniger Materialeinsatz
- geringerer Energieverbrauch
- weniger Verkehrsfläche
- weniger Parkraum
Genau deshalb verdienen diese Fahrzeuge in der Diskussion über nachhaltige Mobilität deutlich mehr Aufmerksamkeit, als sie derzeit erhalten.
Warum wird die Debatte nicht zu Ende geführt?
Wenn geringes Gewicht, geringer Ressourcenverbrauch und hohe Effizienz die Argumente sind, drängt sich eine Frage auf:
Warum wird die Elektrifizierung der L-Klasse so selten in den Mittelpunkt gestellt?
Gerade leichte Fahrzeuge und elektrische Antriebe ergänzen sich auf natürliche Weise. Wo weniger Masse bewegt werden muss, sinken Energiebedarf und Ressourcenverbrauch.
Elektrische Roller, Motorräder und Leichtfahrzeuge könnten deshalb zu den effizientesten Formen individueller Mobilität gehören.
Auffällig ist, dass ACEM die Vorteile der L-Klasse betont, die Elektrifizierung dieser Fahrzeugklasse jedoch nicht ins Zentrum der Forderung stellt.
Ein klares Bekenntnis zur Elektrifizierung der L-Klasse würde ausgerechnet jene Produkte in Frage stellen, mit denen viele Mitgliedsunternehmen noch immer ihr Geld verdienen.
Die #SteckerBiker meinen
ACEM hat einen wichtigen Punkt erkannt: Fahrzeuge der L-Klasse erhalten in der Verkehrswende deutlich weniger Aufmerksamkeit, als sie aufgrund ihres Platzbedarfs, ihres Energieverbrauchs und ihres Ressourcenbedarfs eigentlich verdienen.
Gerade deshalb überrascht es, dass die Elektrifizierung dieser Fahrzeugklasse in der aktuellen Forderung kaum eine Rolle spielt. Dabei haben ACEM und mehrere Mitgliedsunternehmen in den vergangenen Jahren bereits gezeigt, dass sie die Potenziale elektrischer Leichtfahrzeuge erkannt haben.
Elektrische Leichtfahrzeuge könnten hier einen wichtigen Beitrag leisten. Sie benötigen weniger Platz, weniger Energie und weniger Ressourcen und würden gleichzeitig zu saubererer Luft, weniger Lärm und lebenswerteren Städten beitragen.
Im Durchschnitt sitzen nur rund 1,5 Personen in einem Auto, viele Wege in Städten sind nur wenige Kilometer lang. Trotzdem wird in der Verkehrswende häufig zuerst über den Antrieb diskutiert und erst danach über das Fahrzeug selbst.
Vielleicht liegt genau dort der Denkfehler. Denn die Verkehrswende wird nicht allein durch neue Antriebe entschieden, sondern auch durch die Frage, wie viel Fahrzeug wir für unsere tägliche Mobilität wirklich brauchen.