NOIL: Alte Liebe, neuer Antrieb

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Categories Technik
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Author Remo Klawitter

Warum ein altes Moped verschrotten, wenn man ihm ein zweites, elektrisches Leben schenken kann? Das französische Unternehmen NOIL Motors hat sich genau darauf spezialisiert. Vom legendären Peugeot 103 über Solex und Piaggio Ciao bis hin zum außergewöhnlichen BMW C1: In Frankreich werden Zweiradklassiker elektrifiziert, ohne ihren ursprünglichen Charakter zu verlieren. Jetzt sucht NOIL neue Vertriebspartner – auch in Deutschland.

Noil

Drei Freunde und eine elektrische Idee

Die Geschichte von NOIL Motors beginnt 2018 mit einem defekten Roller und einer ungewöhnlichen Idee: Warum den kaputten Verbrennungsmotor reparieren, wenn man das Fahrzeug auch gleich elektrifizieren könnte?

Aus den ersten Versuchen entstand 2019 das Unternehmen NOIL, gegründet von den drei Kindheitsfreunden Clément Fleau, Raphaël Setbon und Victor Breban. Die begeisterten Zweiradfahrer brachten unterschiedliche Fachkenntnisse mit: Fleau übernahm die Unternehmensführung, Setbon die technische Entwicklung und Breban den rechtlichen Bereich.

Heute hat NOIL seinen Sitz in Montreuil bei Paris und beschäftigt nach eigenen Angaben etwa 15 Mitarbeiter. Das Unternehmen vereint Entwicklung, Verwaltung und Werkstatt unter einem Dach. Dort entstehen die elektrischen Umrüstsätze, mit denen historische Zweiräder ein zweites Leben erhalten.

Aus der ursprünglichen Idee ist längst mehr als ein kleines Bastelprojekt geworden. Bereits 2023 berichtete NOIL von über 750 elektrifizierten Fahrzeugen. Und beim Le Mans Classic Legend 2026 waren gleich 20 restaurierte und elektrifizierte Peugeot 103 für die Veranstaltungsteams im Einsatz.

NOIL Motobecane
NOIL Motobecane

Französische Klassiker unter Strom

Wer schon einmal durch Frankreich gefahren ist, kennt sie vielleicht noch: die kleinen, knatternden Mopeds, die über Jahrzehnte das Straßenbild geprägt haben. Allen voran der Peugeot 103 und die unverwechselbaren Solex-Modelle.

NOIL entwickelt für diese Klassiker spezielle Umrüstsätze und bietet darüber hinaus vollständig restaurierte Fahrzeuge mit Elektroantrieb an.

Dabei wird nicht einfach nur der Verbrennungsmotor ausgebaut. Die Fahrzeuge werden zerlegt, Rahmen und Karosserieteile aufgearbeitet, neu lackiert und mit neuen Verschleißteilen ausgestattet. Erst anschließend erfolgt die Elektrifizierung.

Das Ergebnis sind echte Klassiker, die ihren ursprünglichen Charme behalten, aber künftig nahezu geräuschlos unterwegs sind.

NOIL Peugeot 103
NOIL Peugeot 103

Peugeot 103 und Solex: Zwei Legenden leben weiter

Besonders charmant ist der elektrifizierte Peugeot 103. Das französische Kultmoped bekommt einen 1,4 kW starken Elektromotor und einen herausnehmbaren Akku mit 1,4 kWh Kapazität. Damit sollen 45 bis 60 Kilometer Reichweite bei einer Höchstgeschwindigkeit von 45 km/h möglich sein.

Interessant ist die technische Umsetzung: Das neue Motorgehäuse erinnert optisch an den ursprünglichen Verbrennungsmotor. Auch die charakteristische Kraftübertragung über Riemen und Kette bleibt erhalten.

Ein vollständig restaurierter und elektrifizierter Peugeot 103 kostet laut NOIL ab 3.199 Euro. Wer bereits ein entsprechendes Fahrzeug besitzt, kann einen Umrüstsatz ab 999 Euro erwerben.

NOIL Solex
NOIL Solex

Noch außergewöhnlicher ist der Solex 3800. Bei diesem französischen Klassiker sitzt der Antrieb direkt über dem Vorderrad und überträgt seine Kraft über eine Reibrolle auf den Reifen. Genau dieses ungewöhnliche Prinzip behält NOIL auch beim elektrischen Umbau bei. Sogar Teile des ursprünglichen Motorgehäuses können dabei weiterverwendet werden.

Mit 440 Watt Leistung und einer Höchstgeschwindigkeit von 32 km/h ist der Solex eher etwas für gemütliche Ausfahrten. Der herausnehmbare 672-Wh-Akku ermöglicht laut Hersteller etwa 30 Kilometer Reichweite ohne Pedalunterstützung. Wer mittritt, soll sogar bis zu 60 Kilometer schaffen.

Komplett restauriert kostet der elektrische Solex ab 2.199 Euro, der Umrüstsatz beginnt bei 599 Euro.

Doch dabei bleibt es nicht. Auch für verschiedene Motobécane-Modelle, die italienische Piaggio Ciao und weitere Peugeot-Klassiker hat NOIL passende Umrüstlösungen entwickelt.

Noil BMW C1

Sogar der BMW C1 wird elektrifiziert

Eine echte Überraschung ist der BMW C1. Der zwischen 2000 und 2003 produzierte Roller mit Dach, Sicherheitszelle und Gurtsystem war seiner Zeit in vielerlei Hinsicht voraus. Nun erhält auch er die Möglichkeit, elektrisch weiterzufahren.

NOIL bietet dafür seit Mai 2026 zwei elektrische Umrüstvarianten an. Die City-Version leistet 8 kW, erreicht 80 km/h und soll mit ihrem 5-kWh-Akku rund 60 Kilometer weit kommen. Zwei herausnehmbare Akkus ermöglichen das Laden außerhalb des Fahrzeugs.

Die Long-Range-Version bringt es auf 11 kW, 100 km/h und laut Hersteller 90 Kilometer Reichweite. Dafür stehen 7,5 kWh Akkukapazität zur Verfügung. Beide Versionen sollen sich innerhalb von etwa vier Stunden laden lassen.

Die Preise beginnen bei 4.499 Euro für die City-Version und 6.199 Euro für Long Range. Allerdings können in diesen französischen Angebotspreisen bereits staatliche Förderungen berücksichtigt sein.

Gerade der BMW C1 zeigt, dass sich NOIL längst nicht mehr nur auf kleine Mopeds konzentriert. Ein überdachter Elektroroller mit Sicherheitszelle – warum eigentlich nicht?

NOIL BYMOSS BMW Boxer
BYMOSS BMW Boxer

Von der Ape bis zum BMW-Boxer

Dass NOIL längst nicht mehr nur kleine Mopeds elektrifiziert, zeigt ein Blick auf weitere Projekte. Selbst die legendäre Piaggio Ape, das dreirädrige italienische Transportfahrzeug, soll künftig elektrisch unterwegs sein. Für Modelle ab 125 cm³ nennt NOIL eine Höchstgeschwindigkeit von 80 km/h und 80 Kilometer Reichweite. Die Umrüstung ist derzeit vorbestellbar und kostet in Frankreich je nach Förderberechtigung ab 4.899 Euro inklusive Einbau, vor zusätzlichen regionalen Zuschüssen.

Richtig spannend wird es für Motorradfreunde: Gemeinsam mit Bymoss bietet NOIL auch die Elektrifizierung klassischer BMW-Boxermodelle wie R45, R60, R65, R75 und R80 an. Der Elektromotor leistet in der Spitze 19 kW, ermöglicht rund 110 km/h und soll mit seinem 5,2-kWh-Akku im gemischten Betrieb 75 bis 85 Kilometer weit kommen.

Das technische Highlight: Das originale Vier- beziehungsweise Fünfganggetriebe bleibt erhalten! Ein Elektromotorrad mit klassischer Handschaltung – das dürfte für ein ziemlich ungewöhnliches Fahrerlebnis sorgen.

Mit knapp 9.900 Euro für die Umrüstung inklusive Einbau ist das allerdings kein günstiges Vergnügen. Zudem berücksichtigt der französische Angebotspreis bereits eine staatliche Förderung.

NOIL Ape
NOIL Piaggio Ape

Alte Fahrzeuge, neue Perspektiven

So charmant die alten Zweitakter auch sind, ihre Technik wird mit den Jahren nicht unbedingt pflegeleichter. Benzin altert, Vergaser verharzen, Dichtungen werden porös und Wellendichtringe verlieren ihre Dichtwirkung. Die Motoren können Nebenluft ziehen, Öl verlieren oder andere Probleme entwickeln. Dazu kommen verschlissene Lager, Zündungsprobleme und Ersatzteile, die nicht immer leicht zu bekommen sind.

Natürlich lässt sich vieles reparieren. Doch gerade bei jahrzehntealten Fahrzeugen kann eine gründliche Motorüberholung schnell aufwendig und kostspielig werden.

Hinzu kommt ein weiterer Aspekt: Gerade die alten Zweitakter, die ihr Motoröl gemeinsam mit dem Benzin verbrennen, fallen im heutigen Straßenverkehr zunehmend negativ auf. Während immer mehr Fahrzeuge elektrisch und damit leise und ohne lokale Abgase unterwegs sind, machen sich die kleinen Verbrenner weiterhin mit ihrem typischen Knattern, dem unverwechselbaren Geruch und teilweise sichtbaren Abgasen bemerkbar.

Was früher ganz selbstverständlich zum Straßenbild gehörte, wirkt heute zunehmend aus der Zeit gefallen. Und gerade in dicht besiedelten Städten sind Lärm und Abgase längst keine Nebensache mehr.

Hier bietet die Elektrifizierung eine interessante Alternative. Elektromotoren benötigen weder Vergaser noch Zündkerzen oder ein aufwendiges Kraftstoffsystem. Das bedeutet weniger wartungsintensive Komponenten und keine Probleme mit altem Benzin nach längeren Standzeiten. Ganz wartungsfrei werden die Fahrzeuge dadurch natürlich nicht.

Hinzu kommt der Nachhaltigkeitsgedanke: Warum ein komplettes Fahrzeug ersetzen, wenn Rahmen, Karosserie, Räder und zahlreiche weitere Bauteile noch viele Jahre genutzt werden können? Die Elektrifizierung ermöglicht es, einen großen Teil der vorhandenen Substanz zu erhalten und gleichzeitig lokal emissionsfrei unterwegs zu sein.

Zwar müssen auch Akkus und Elektromotoren hergestellt werden, und nicht jeder Umbau ist automatisch die ökologisch beste Lösung. Doch bestehende Fahrzeuge weiterzuverwenden, statt sie durch Neuproduktionen zu ersetzen, ist ein Ansatz, der durchaus Potenzial hat.

NOIL Honda Dax
NOIL Honda Dax

NOIL sucht Vertriebspartner – auch in Deutschland

NOIL möchte sein Vertriebsnetz über Frankreich hinaus erweitern und sucht neue Vertriebspartner, auch in Deutschland.

Gesucht werden Händler, die die elektrifizierten Klassiker präsentieren, Probefahrten ermöglichen und interessierte Kunden beraten können.

Das Geschäftsmodell klingt zunächst unkompliziert: Laut NOIL müssen Vertriebspartner keine Fahrzeuge auf Lager nehmen und auch keine Vorfinanzierung übernehmen. Die Fahrzeuge werden direkt an die Händler geliefert, die für vermittelte Verkäufe eine Vergütung erhalten.

Eine wichtige Frage bleibt allerdings die Zulassung in Deutschland. Die Fahrzeuge sind in Frankreich nach den dort geltenden Vorschriften für elektrische Umbauten genehmigt. Das bedeutet jedoch nicht automatisch, dass sie auch hierzulande ohne zusätzliche Prüfungen zugelassen werden können.

Welche Unterlagen NOIL dafür bereitstellen kann und ob eine deutsche Zulassung problemlos möglich ist, muss noch geklärt werden.

Reload Land Second Ride

Eine ähnliche Idee aus Berlin

Auch in Deutschland ist die Elektrifizierung historischer Zweiräder längst ein Thema. Das Berliner Unternehmen Second Ride, über das wir bereits mehrfach berichtet haben, bietet unter anderem elektrische Umrüstsätze für Simson-Modelle wie S50, S51 und die Schwalbe an. Während die Berliner vor allem auf technisch verwandte Fahrzeugmodelle und zunehmend vielseitig einsetzbare Antriebssysteme setzen, entwickelt NOIL individuelle Lösungen für ganz unterschiedliche Fahrzeugkonzepte – vom kleinen Solex bis zum klassischen BMW-Boxer.

NOIL Peugeot 103

Die #SteckerBiker meinen:

Wie geil ist das denn bitte? Da werden keine neuen Fahrzeuge gebaut, die auf alt getrimmt sind. Stattdessen bekommen echte Klassiker ein zweites Leben – und zwar elektrisch!

Besonders beeindruckt uns die Vielfalt der Lösungen: vom gemütlichen Solex über die dreirädrige Piaggio Ape bis zum klassischen BMW-Boxer mit originalem Schaltgetriebe. Hier wird nicht einfach ein Elektromotor eingebaut, sondern für jedes Fahrzeug ein passendes Konzept entwickelt.

Natürlich sind die Reichweiten nicht immer berauschend. Aber wer mit einem elektrifizierten Solex unterwegs ist, plant vermutlich ohnehin keine Alpenüberquerung.

Nicht alles, was alt ist, gehört aufs Abstellgleis. Manchmal braucht es nur einen neuen Antrieb, damit aus einem Stück Vergangenheit wieder ein Fahrzeug für die Zukunft wird.

Jetzt muss NOIL nur noch zeigen, wie sich die Fahrzeuge auch in Deutschland rechtssicher auf die Straße bringen lassen.

Denn einen elektrischen Peugeot 103, eine Piaggio Ape oder sogar einen klassischen BMW-Boxer würden wir verdammt gern einmal selbst (er)fahren!

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