Charged Ndara: ein E-Motorrad aus Indonesien für die ganze Welt?
Indonesien gehört zu den größten Motorradmärkten der Welt. Jetzt will das Land auch als Hersteller von Elektromotorrädern international mitmischen. Mit der Ndara präsentiert Charged sein bislang stärkstes Modell – und könnte damit zum Sinnbild einer Industrie werden, die weit über den heimischen Markt hinausblickt. Doch kann dieser Plan aufgehen?
Warum gerade Indonesien?
Mit rund 280 Millionen Einwohnern ist Indonesien der viertbevölkerungsreichste Staat der Welt und zugleich einer der größten Motorradmärkte überhaupt. Mehr als 120 Millionen Motorräder prägen den Straßenverkehr. Für Millionen Menschen ist das Zweirad das wichtigste Verkehrsmittel und häufig die einzige bezahlbare Möglichkeit, mobil zu bleiben. Wer in Indonesien Motorräder baut, entwickelt deshalb nicht für eine Nische, sondern für einen der größten Zweiradmärkte der Welt. Der Heimatmarkt bietet jungen Herstellern ideale Bedingungen, neue Fahrzeuge zu entwickeln und unter realen Bedingungen zu erproben.
Mindestens ebenso wichtig sind die Bodenschätze des Landes. Indonesien verfügt über die weltweit größten bekannten Nickelreserven und ist zugleich der größte Produzent des Metalls. Nickel ist ein zentraler Bestandteil vieler Lithium-Ionen-Batterien und trägt wesentlich zu deren Energiedichte bei. Hinzu kommen bedeutende Vorkommen an Kobalt, Kupfer, Bauxit und Zinn. Diese Rohstoffe werden für Batteriezellen, Elektromotoren, Leistungselektronik und Leichtbaukomponenten benötigt.
Die Regierung hat diesen Standortvorteil früh erkannt. Bereits 2020 trat ein Exportverbot für unverarbeitetes Nickelerz in Kraft. Statt Rohstoffe auszuführen, soll die Wertschöpfung im eigenen Land entstehen – von der Raffination über Batteriematerialien und Batteriezellen bis hin zu kompletten Elektrofahrzeugen. Internationale Unternehmen investieren deshalb Milliarden in Raffinerien, Batteriefabriken und Fahrzeugwerke. Indonesien entwickelt sich damit Schritt für Schritt vom Rohstofflieferanten zu einem Produktionsstandort für die Elektromobilität.
Wer steckt hinter dem Start-up Charged?
Charged wurde 2021 von Joel CY Chang gegründet. Der Motorradmanager leitete zuvor eine BMW-Händlergruppe und sammelte anschließend als Chief Operating Officer beim Elektromotorradhersteller Scorpio Electric Erfahrungen mit Elektromotorrädern. Mit Charged verfolgt er einen anderen Ansatz als viele etablierte Hersteller. Statt bestehende Verbrennermodelle zu elektrifizieren, entstand das Unternehmen von Beginn an als Elektromarke.
Die ersten Fahrzeuge waren Elektroroller für Pendler, Lieferdienste und Sharing-Flotten. Nach eigenen Angaben beschäftigt Charged heute rund 200 bis 500 Mitarbeitende und will innerhalb von zehn Jahren zehn Millionen Elektrofahrzeuge in Südostasien auf die Straße bringen.
Unterstützung erhält Charged vom australisch-chinesischen Hersteller Vmoto, der sich an dem Unternehmen beteiligt hat und Komponenten sowie Batterietechnik liefert. Entwicklung und Produktion erfolgen in Indonesien, während die Expansion nach Singapur, Malaysia und Vietnam bereits begonnen hat. Mit der Ndara steigt Charged nun erstmals in das Segment sportlicher Elektromotorräder ein.
Die Ndara: Mehr als ein elektrischer Cityflitzer
Mit der Ndara verabschiedet sich Charged vom Image des reinen Elektroroller-Herstellers. Das sportliche Naked Bike orientiert sich mit 11 kW Spitzenleistung und einer Höchstgeschwindigkeit von 125 km/h an der europäischen 125er-Klasseund richtet sich an Fahrer, die ihr Elektromotorrad nicht nur im Stadtverkehr bewegen möchten.
Auch optisch schlägt Charged einen bewusst zurückhaltenden Weg ein. Die klaren Linien und das aufgeräumte Design verzichten auf futuristische Experimente und orientieren sich an der klassischen Naked-Bike-Silhouette. Gerade diese unaufgeregte Gestaltung könnte den Geschmack vieler europäischer Motorradfahrer treffen. Die Ndara wirkt dadurch weniger wie ein Fahrzeug ausschließlich für den südostasiatischen Markt, sondern eher wie ein Motorrad, das von Beginn an mit Blick auf internationale Märkte entwickelt wurde.
Das Motorrad wird wahlweise mit einem oder zwei Lithium-Ionen-Batteriepaketen mit jeweils 4 kWh angeboten. In der Version mit zwei Akkus gibt Charged eine Reichweite von bis zu 100 Kilometern an. Geladen wird über einen Typ-2-Anschluss. Damit orientiert sich Charged an einem Ladestandard, der sich auch im Zweiradbereich zunehmend etabliert. Nach Herstellerangaben dauert der Ladevorgang von 5 auf 80 Prozentrund 40 Minuten. Sollte sich bestätigen, dass die Batteriepakete entnommen werden können, wäre die Kombination aus Wechselakku und Typ-2-Ladeanschluss eine Besonderheit. Bislang setzen die meisten Hersteller entweder auf fest verbaute Akkus mit Ladeanschluss oder auf Wechselakkus, die extern geladen werden. Weitere technische Details wie Zellchemie, Batterielieferant, Ladeleistung oder die Dauerleistung des Motors hat Charged bislang nicht veröffentlicht.
Zur Serienausstattung gehören ABS, Traktionskontrolle, Berganfahrhilfe, Bergabfahrhilfe und das digitale SmartSync-Cockpit. Hinzu kommt ein Overtaking Boost, der beim Überholen kurzfristig zusätzliche Leistung bereitstellt. Solche Funktionen kennt man bislang vor allem aus leistungsstärkeren Elektromotorrädern. In Indonesien kostet die Version mit einer Batterie umgerechnet rund 3.355 Euro (69 Millionen Rupiah). Für das Modell mit zwei Batteriepaketen werden umgerechnet rund 3.840 Euro(79 Millionen Rupiah) fällig.
Die #SteckerBiker meinen
Die eigentliche Nachricht heißt nicht Ndara. Sie heißt Indonesien.
Jahrzehntelang exportierte das Land vor allem wertvolle Rohstoffe. Heute verfolgt die Regierung das Ziel, daraus eine eigene Industrie für die Elektromobilität aufzubauen. Das Exportverbot für unverarbeitetes Nickelerz war dafür ein wichtiger Schritt. Statt Nickel, Kobalt oder Kupfer unverarbeitet auszuführen, entstehen im Land Raffinerien, Batteriefabriken, Fahrzeugwerke und neue Technologieunternehmen.
Charged gehört zu den ersten Herstellern, die von dieser Entwicklung profitieren. Ob das Unternehmen eines Tages auch in Europa Fuß fassen kann, werden Homologation, Vertrieb, Service und letztlich die Qualität der Produkte entscheiden. Die technischen Eckdaten der Ndara machen neugierig, auch wenn wichtige Details zur Batterietechnik bislang noch fehlen.
Für uns ist die Ndara deshalb weit mehr als ein neues Elektromotorrad. Sie steht für den Anspruch Indonesiens, seine natürlichen Ressourcen nicht länger nur zu exportieren, sondern daraus Wertschöpfung, Arbeitsplätze und moderne Mobilität entstehen zu lassen. Ob Charged den Sprung nach Europa schafft, wird sich zeigen. Klar ist jedoch: Wer die Entwicklung der Elektromobilität verstehen will, sollte künftig nicht nur nach China schauen – sondern auch nach Indonesien. Genau deshalb werden wir Charged weiter beobachten.