Entscheidung mit Folgen
Wer sich für ein aktuelles Elektromotorrad von Zero entscheidet oder sich zumindest dafür interessiert, steht schnell vor der Wahl zwischen mehreren aufpreispflichtigen Zusatzoptionen. Neben praktischen Ausstattungen wie Koffersystemen, Sturzbügeln oder stylischen Anbauteilen gibt es zwei technische Erweiterungen, die auf den ersten Blick besonders verlockend klingen: der PowerTank und der ChargeTank.
Was beide eint: Sie belegen denselben Einbauplatz – das praktische Staufach unter der Tankattrappe, was dann natürlich weitestgehend wegfällt. Und diese Einschränkung ist nicht zu unterschätzen: Wer einmal die Annehmlichkeiten eines großen Staufachs am Motorrad genossen hat, gibt sie nur ungern wieder her. Also sollten die Alternativen diese Nachteil mit massiven Vorteilen kompensieren können:
Was sie unterscheidet, ist ihr ganz grundlegender Nutzen. Der PowerTank sorgt für mehr Reichweite, der ChargeTank für schnelleres Laden. Beides klingt sinnvoll, doch was passt besser zum eigenen Fahrprofil? Gerade E-Motorrad-Neulinge sind bei dieser Entscheidung oft verunsichert – zu neu ist das Thema, zu wenig greifbar die Auswirkungen auf die eigene Mobilität. Ein genauerer Blick auf beide Optionen hilft bei der Entscheidung.
Mehr Energie für unterwegs: Der PowerTank
Der PowerTank erweitert die Akkukapazität der Zero um 3,6 kWh. Bei einem durchschnittlichen Verbrauch von 6 bis 9 kWh pro 100 Kilometer ergibt sich daraus ein Reichweitenplus von etwa 40 bis 60 Kilometern – je nach Fahrweise, Streckenprofil und Zuladung.
Gerade wer Touren fährt oder mit längeren Arbeitswegen pendelt, für den oder die kann dieses Plus den entscheidenden Unterschied machen: weniger Ladesorgen, entspannteres Fahren, vor allem in Regionen, in denen die öffentliche Ladeinfrastruktur noch dünn gesät ist. Wer häufig über Land unterwegs ist, mit Sozius oder Gepäck fährt oder einfach gerne Reserven in der Batterie hat, für den scheint der PowerTank zunächst eine überzeugende Lösung zu sein.
Doch dieser Reichweitenbonus hat eine klare Grenze: Er steht pro Tour nur einmal zur Verfügung. Ist der PowerTank leer, muss er – wie der Hauptakku – wieder vollständig geladen werden. Das bedeutet: zusätzliche Ladezeit bei jeder vollen Aufladung. Und genau hier beginnt die Abwägung.
Mehr Leistung an der Ladesäule: Der ChargeTank
Während der PowerTank den Akku größer macht, verändert der ChargeTank etwas ganz anderes: die Ladegeschwindigkeit. Technisch betrachtet handelt es sich um ein zusätzliches 6-kW-Ladegerät, das den serienmäßigen Onboard-Lader ergänzt. Je nach Zero-Modell liegt die serienmäßige Ladeleistung bei 3 bis 6,6 kW – mit ChargeTank sind je nach Kombination bis zu 12,6 kW Ladeleistung möglich.
Was das in der Praxis bedeutet, ist leicht nachzurechnen: In einer einstündigen Ladepause lassen sich – unter optimalen Bedingungen – mit den A1-Modellen (S und DS) 3 kWh oder etwa 30-50 km nachladen, bei den „großen“ mit 6,6-kW-Ladern sind es dann 6,6 kWh oder 73-110 km. Mit ChargeTank lassen sich in derselben Zeit 100-150 km bzw. 140-210 km an Reichweite nachladen. Anders gesagt: Die zusätzliche Reichweite des PowerTanks lässt sich mit einem ChargeTank in etwa 36 Minuten nachladen, zusätzlich zur Reichweite, die durch die serienmäßig verbauten Ladegeräte zur Verfügung gestellt wird – und das beliebig oft am Tag, wann immer eine geeignete Ladesäule verfügbar ist.
Gerade auf längeren Strecken, bei denen Zwischenstopps ohnehin eingeplant sind, entfaltet sich dieser Vorteil besonders deutlich. Statt längerer Ladepausen von ein bis drei Stunden reichen mit dem ChargeTank oft schon 30 bis 45 Minuten, um wieder entspannte 100 Kilometer zurücklegen zu können.
Der PowerTank – eine einmalige Reserve
Zur Ehrenrettung des PowerTanks muss gesagt werden: In bestimmten Szenarien kann sein Mehr an Kapazität ein echter Vorteil sein. Wer bewusst lange Strecken ohne Ladepause zurücklegen möchte oder muss – etwa bei Fernfahrten über Land, Offroad-Einsätzen oder in Regionen ohne eine Stromversorgung, die der ChargeTank sinnvoll nutzen könnte – wird den PowerTank zu schätzen wissen. In diesen Fällen ist zusätzliche Reichweite durch nichts zu ersetzen.
Doch außerhalb solcher Spezialfälle bringt der PowerTank auch handfeste Nachteile mit sich: längere Ladezeiten, mehr Gewicht, weniger Stauraum – selbst dann, wenn die zusätzliche Reichweite gar nicht gebraucht wird. Im Alltag, beim Pendeln oder auf Etappenfahrten mit regelmäßigem Ladestopp erweist sich der PowerTank daher oft als unnötiger Luxus, der selten vollständig zur Geltung kommt.
Der ChargeTank – flexibel und alltagstauglich
Ganz anders der ChargeTank. Seine Vorteile entfalten sich im Alltag ebenso wie auf Tour. Wer häufig fährt, regelmäßig unterwegs lädt oder auf Schnelllademöglichkeiten angewiesen ist, gewinnt mit ihm an Lebensqualität. Statt mit halbleerem Akku zur Arbeit zu hetzen oder unterwegs Ladezeiten zu vertrödeln, lässt sich der Stromverbrauch gezielt und planbar kompensieren.
Natürlich ist auch der ChargeTank kein Allheilmittel. Er setzt eine gewisse Infrastruktur voraus – nämlich öffentliche AC-Ladesäulen mit ausreichend Leistung. Wer nur zu Hause oder am Arbeitsplatz mit geringer Ladeleistung lädt, spürt den Vorteil möglicherweise weniger. Aber sobald man unterwegs ist, im urbanen Umfeld oder auf längeren Etappen, wird der ChargeTank zum echten Pluspunkt.
Denn der Nutzen des ChargeTanks skaliert mit der Fahrleistung. Je mehr man fährt, desto öfter spart man Zeit – und zwar bei jedem einzelnen Ladevorgang. Wer gerne am Wochenende größere Touren unternimmt oder gar mit seinem Elektromotorrad in den Urlaub fährt, wird sich schnell an die kürzeren Ladezeiten gewöhnen und sie nicht mehr missen wollen.
Lieber nachrüsten statt falsch entscheiden
Die gute Nachricht für alle Unentschlossenen: Sowohl der PowerTank als auch der ChargeTank lassen sich auch nachträglich einbauen. Wer sein Zero-Motorrad zunächst in der serienmäßigen Konfiguration mit Staufach übernimmt, kann das Fahrzeug in Ruhe kennenlernen und herausfinden, was im eigenen Alltag wirklich fehlt: mehr Reichweite oder kürzere Ladezeiten.
Diese Erkenntnis stellt sich oft erst nach einigen Wochen oder Monaten Fahrpraxis ein – vor allem bei Umsteigern von Verbrennern, die noch kein Gespür für das Ladeverhalten und die Reichweitenplanung bei E-Motorrädern entwickelt haben. Statt sich also vorschnell auf eine Option festzulegen, kann es sinnvoll sein, das Motorrad zunächst in der Basisversion zu fahren und später entsprechend der eigenen Bedürfnisse aufzurüsten.
SteckerBiker-Fazit: Alltag vor Ausnahme
Die Entscheidung zwischen PowerTank und ChargeTank ist keine Frage von richtig oder falsch, sondern eine des individuellen Fahrverhaltens. Wer regelmäßig sehr lange Strecken ohne Lademöglichkeit zurücklegt, kann vom PowerTank profitieren – er bietet einmalig pro Tour ein spürbares Reichweitenplus. Doch wer häufiger unterwegs lädt, regelmäßig pendelt oder auf gute Ladeinfrastruktur zugreifen kann, ist mit dem ChargeTank deutlich besser bedient.
Denn im Unterschied zum einmaligen Bonus des PowerTanks bietet der ChargeTank einen wiederholbaren, skalierbaren Vorteil, der sich mit jedem Kilometer und jedem Ladehalt bemerkbar macht. Er spart Zeit, macht flexibler und sorgt dafür, dass man das Motorrad intensiver nutzen kann – ohne lange Pausen einplanen zu müssen.
Wer sich also unsicher ist, muss sich nicht sofort entscheiden. Zero bietet mit der Nachrüstoption den idealen Mittelweg: erst fahren, dann aufrüsten – ganz nach dem persönlichen Fahrstil. Und genau das ist es doch, worum es beim E-Motorradfahren geht: Freiheit, Flexibilität und das gute Gefühl, jederzeit die passende Entscheidung treffen zu können. In der Zwischenzeit lassen sich die Vorteile des Staufach genießen. Und wer weiß? Vielleicht sind diese ja größer als die Vorteile von Charge- oder PowerTank? Dann hättet Ihr nämlich ordentlich Geld gespart: Der ChargeTank kostet aktuell 2.975 EUR, der PowerTank 3.519 EUR. Jeweils zuzüglich Einbau, versteht sich…